: WAS AM ENDE BLEIBT

Gedenkrituale

Erich Klein | aus HEUREKA 5/17 vom 25.10.2017

Am Areal des ehemaligen Wiener Aspangbahnhofes wurde kürzlich ein Denkmal eröffnet -im Gedenken an 47.035 österreichische Jüdinnen und Juden, die in den Jahren 1941/42 von hier in den Tod geschickt wurden, meist an Orte im heutigen Weißrussland oder in Lettland. Nur 1.073 Menschen überlebten.

Das Denkmal - symbolische Gleise, die in einer schwarzen Box enden - ist ästhetisch wenig anspruchsvoll, dafür versteht es jeder. Was waren das für Zeiten, als das Denkmal von Alfred Hrdlicka am Albertinaplatz als "Kitsch" und jenes am Wiener Judenplatz ob der reduzierten Formensprache als ein Denkmal für den Erfinder der Betonmischmaschine verspottet werden konnten!

Heute ist der Holocaust, der auch vor Jahrzehnten kein verhandelbares geschichtliches Ereignis darstellte, in korrekte, praktisch parteienübergreifende Gedenkrituale eingebettet. Jeder Redner der Denkmalseröffnung war um richtige und würdige Worte bemüht.

Ein Stadtrat verwies auf die angrenzende Wohnanlage als Zukunftsinvestition, ein Bezirkspolitiker rang glaubwürdig um jene Ausdrücke, die den Anrainern den Sinn der Anlage erklären können müssten. Ein weiterer Stadtrat hob zu einer hymnischen Tirade an, warum wir überhaupt erinnern. Der leider kurz vor der Denkmalenthüllung verstorbene Initiator wurde namentlich genannt. Schließlich sprach der Oberrabbiner das Kaddisch, das jüdische Totengebet.

Allein, als einer der wenigen noch lebenden sogenannten Zeitzeugen, ein Wiener, zu sprechen begann, der vor sechsundsiebzig Jahren von dieser Stelle aus deportiert worden war, schien die Zeit stehen zu bleiben: Als der Lastwagen, auf dem der Wiener aus dem Ghetto im zweiten Bezirk abtransportiert wurde, an der Ecke Ungargasse und Rennweg anhielt, um zum Aspangbahnhof abzubiegen, rief ihm ein anderer Wiener nach: "Schleicht's euch, ihr Juden, endlich kommt's weg!"

Wer wie in Zukunft von all dem erzählen wird, bleibt fraglich. Merkwürdigerweise nannte bei der Veranstaltung niemand die vor einem Jahr verstorbene Ilse Aichinger. Sie hat diese Gegend Wiens und jene Zeit mehrfach literarisch als ihre Kindheitslandschaft verewigt. Sie schrieb: "Man kann auch zu früh über etwas nachdenken. So wie die Vergessenheit zuletzt Form des Erinnerns wird, kann das Nichtdenken im gegebenen Augenblick zur Form des Denkens werden." Und: "Erinnerung erinnert sich nicht zu Ende."

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