Enormes Potenzial für die Gesellschaft

Life-Sciences sind ein wesentlicher Aspekt der Zukunft -wie auch ihre Effizienz und ihr Nachwuchs

Text: Sophie Hanak | aus HEUREKA 5/17 vom 25.10.2017

Die Alterung der Gesellschaft, die Digitalisierung, der steigende Kostendruck im Gesundheitssystem oder der Klimawandel: Für diese Herausforderungen gelten die Lebenswissenschaften als Schlüsseltechnologien. In den letzten Jahren sind die Studienabschlüsse an den Universitäten und Fachhochschulen im biowissenschaftlichen Bereich stetig gestiegen: Gab es in Österreich im Studienjahr 2011/12 um die 800 Abschlüsse, waren es fünf Jahre später bereits um die 1.800 Absolventen.

Im Life-Sciences-Sektor sind Unis und Fachhochschulen gefordert

Das Projekt "Zukunft Hochschule", das im Oktober 2016 vom Wissenschaftsministerium gestartet wurde, möchte dazu beitragen, Effizienz und Qualität der universitären Bildung zu erhöhen. Das soll durch eine Optimierung des Ausbildungsprofils von Universitäten und Fachhochschulen, durch eine Strukturierung des Studienangebots und durch die Verbesserung der Durchlässigkeit innerhalb des tertiären Sektors erreicht werden.

"Jede Universität und jede Fachhochschule nimmt ihre Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen autonom wahr", sagt Thomas Weldschek vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft. "Unsere Aufgabe im Ministerium ist, den Standort Österreich im Blickfeld zu haben und zu wissen, in welche Richtung sich das System entwickelt und bestmöglich entwickeln kann. Seit einigen Jahren haben wir mit den Universitäten im Zuge der Leistungsvereinbarungen und deren Begleitung einen konstruktiven Dialog aufgebaut."

In bestimmten, längeren Intervallen macht es Sinn, diesen Dialog breiter anzulegen und Universitäten, Fachhochschulen, die Österreichische Hochschülerschaft und Stakeholder aus der Wirtschaft an einen Tisch zu holen. "Deshalb haben wir zu Beginn des Projekts mit allen Akteure in der Österreichischen Universitätenkonferenz einerseits die derzeitige Lage des Studienangebots und andererseits die Forschungs-, Infrastruktur-und Administrationskooperationen in den Life-Sciences in Österreich analysiert", erklärt Martin Gerzabek, Rektor der Universität für Bodenkultur BOKU in Wien.

An diesem Projekt haben im Bereich der Life-Sciences zwölf Universitäten und acht Fachhochschulen teilgenommen. "Die Ergebnisse zeigten, dass das Studienangebot an Unis und Fachhochschulen vielfältig und überwiegend stark ausdifferenziert ist. Wir haben erkannt, dass wir beide brauchen, denn die Studierenden haben unterschiedliche Zugänge und Erwartungen im Hinblick auf organisatorische Rahmenbedingungen. Auch in der Erstellung der Curricula gibt es Unterschiede: An der Universität ist sie eher forschungsgetrieben, wohingegen sich die Fachhochschulen hauptsächlich an einem bestehenden Berufsbild orientieren", sagt Thomas Weldschek.

Trotz dieser systemimmanenten Ausdifferenzierung konnten im Rahmen des Projekts eine Fülle von Kooperationen zwischen Fachhochschulen und Universitäten gefunden werden. Es wurde eine Datenbank über die derzeit bestehenden 200 Kooperationen erstellt. So wurde erstmals gezeigt, dass die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Universitäten und zwischen Fachhochschulen und Universitäten sehr gut ist. Life-Sciences erweisen sich als außerordentlich kostenintensiv. Daher ist die Zusammenarbeit unerlässlich. "Die Geräteinfrastruktur, die innerhalb der Life -Sciences benötigt wird, ist zumeist sehr teuer", sagt Martin Gerzabek. "Somit ist es auch sinnvoll, sogenannte Core Facilities zu schaffen, an denen eine spezielle Infrastruktur gemeinsam genutzt werden kann."

Verstärkte Durchlässigkeit bei Masterstudien in den Life-Sciences

Besonders spannend und attraktiv für Studierende ist das Vorhaben, eine verstärkte Durchlässigkeit bei Masterstudien zu ermöglichen. "Studiert beispielsweise jemand an der Universität Innsbruck Biologie und möchte in Salzburg eine bestimmte Vorlesung besuchen, kann er dort ein Semester studieren", erklärt Gerzabek. Die Idee dahinter ist es, die besonders exzellenten Fachgebiete einer Universität sichtbar zu machen und dieses Know-how den Studierenden anzubieten. So können Universitäten ihre besonderen Schwerpunkte und Stärken sichtbarer machen.

Als weitere Maßnahme wurden bestimmte Masterstudien genauer untersucht, etwa darauf, ob sie zu eng ausgerichtet sind, oder in Einzelfällen am Arbeitsmarkt vorbeigehen. Das kann bei hochtechnischen Studien ebenso wie bei den klassischen Studien Zoologie und Botanik der Fall sein. Im Zuge des Projekts geht es nicht um Budgetkürzungen, sondern darum, die Effizienz und die Qualität der Hochschulen zu optimieren. "Molekularbiologie, Biotechnologie und Genetik stehen naturgemäß im Fokus, trotzdem darf nicht auf die klassischen Fächer vergessen werden. Wir brauchen in Österreich Botaniker, die hinausgehen und in der Lage sind Pflanzen zu bestimmen, um die Veränderungen in unserer Umwelt zu verstehen", meint Gerzabek.

Kooperation mit Schulen verstärken und Studieneingangsphasen verbessern

Ein zentrales Ziel des Projekts ist, die Schnittstelle zwischen Schulen und Hochschulen noch intensiver auszubauen und die Studienangebote im Bereich der Life-Sciences aufzulisten. "Das bietet eine große Hilfe für angehende Studierende, um einen Überblick über die vielfältigen Möglichkeiten zu bekommen und in der Studienwahl unterstützt zu werden", erklärt Thomas Weldschek.

In vielen technischen Studien zum Beispiel besteht immer noch ein Mangel an Studierenden. Hier müsse das Interesse frühzeitig geweckt und gefördert werden. "Da ist noch viel mehr zu tun. Vor allem auch in den Schulen. Denn meist ist die Studienwahl sehr emotional geprägt und orientiert sich oft vorrangig am Studienort", sagt Weldschek.

Der Fokus soll stärker auf jene Studienrichtungen gelenkt werden, die noch nicht so frequentiert sind und in denen dringend mehr Absolventen benötigt werden.

Andererseits gab es in den letzten Jahren in verschiedensten Studienrichtungen einen enormen Ansturm. "Am eindrücklichsten war dies im Studium ,Umwelt-und Bioressourcen Management' an der BOKU zu beobachten", berichtet Gerzabek. "Hier wurden rund 80 Erstsemestrige erwartet, schlussendlich waren es an die 550."

Aufgrund der großen Nachfrage kommt es seit einigen Jahren in einigen Studienrichtungen zu Engpässen. Daher wurde etwa in der Biotechnologie voriges Jahr eine Obergrenze von 400 Erstsemestrigen pro Jahr eingeführt. Die Ankündigung hat dazu geführt, dass sich statt 550 Studierende nur knapp 300 angemeldet haben. "Das ist immer noch eine große Herausforderung für den Studiengang, aber es ist machbar", freut sich Gerzabek.

Jugendliche schon in den Schulen auf eine berufliche Auswahl vorbereiten

Eine frühzeitige Aufklärung über das Studienangebot kann einem Ungleichgewicht entgegenwirken.

"Ich denke, es ist extrem wichtig, die Schüler rechtzeitig an die Universitäten und Fachhochschulen heranzuführen. In der achten Klasse ist es schon recht spät", meint BOKU-Rektor Gerzabek. Projekte wie die Kinderuni, Sparkling Science oder der Töchter-Tag spielen hier eine wichtige Rolle und ermöglichen Schülern und Schülerinnen erste Einblicke. Sie können dabei an Praktika teilnehmen und in Forschungsprojekte eingebunden werden.

"Ich würde allen Studieninteressierten raten, zu beobachten, wo die eigenen Stärken, Schwächen und Begabungen liegen", empfiehlt Gerzabek. "Es ist besser, sich an einem Berufsfeld zu orientieren, statt nur einmal zu schauen, ob das Studium auch wirklich Spaß macht."

"Am Anfang des Projekts 'Zukunft Hochschule' gab es seitens der betroffenen Institutionen viel Skepsis", erzählt Thomas Weldschek vom Ministerium. "Aber gegen Ende hin hat sich allgemein die Überzeugung durchgesetzt, dass das Projekt eine gute Sache ist. Das hat uns hier sehr gefreut. Die Life-Sciences sind ein zentrales Zukunftsthema und in den letzten Jahren für unsere Gesellschaft sehr wichtig geworden. Sie haben ein enormes Potenzial, das weiterentwickelt werden muss."

"Das Studienangebot an Unis und Fachhochschulen ist vielfältig und überwiegend stark ausdifferenziert. Wir haben erkannt, dass wir beide brauchen"

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