: WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH

Empfehlungen von Erich Klein

aus HEUREKA 5/17 vom 25.10.2017

Studie über Wiens Sozialstruktur zwischen 1850 und 1930 einer legendären Sozialforscherin

Zweiundfünfzig Lebensgeschichten von Frauen und Männern aus Versorgungshäusern des Roten Wien waren Ausgangsmaterial für die Dissertation von Marie Jahoda. Eine Befragte aus Mähren: acht Geschwister, Kühe gehütet, mit dreizehn das Elternhaus verlassen, Heirat mit einem Perlmuttdreher, Bankrott im Ersten Weltkrieg. Den "Beitrag zur Lebenspsychologie" ergänzt eine Darstellung von Wiens Sozialstruktur und Arbeitsmarkt zwischen 1850 und 1930 sowie eine Biografie der Sozialforscherin, die 1937 aus Österreich fliehen musste.

Marie Jahoda: Lebensgeschichtliche Protokolle der arbeitenden Klassen 1850-1930 Studien Verlag 2017,392 S.

Über das Leben in Österreich zurzeit des nationalsozialistischen Terrors

Während der Reise zum Obersalzberg im Februar 1938 scherzte Kurt Schuschnigg düster, eigentlich hätte ein Psychiater zu Hitler fahren sollen. Tage später wurden Nationalsozialisten in die Regierung aufgenommen, doch der Ständestaatskanzler markierte weiterhin Optimismus. Einige wie der Literat Anton Kuh erkannten die Zeichen der Zeit: "Sind Juden intelligent? Wenn ja, rettet euch!" Die Apokalypse der folgenden sieben Jahre wird analytisch präzise und zugleich pointiert erzählt, mit allen Facetten von Widerstand, Mitläufertum, Verfolgung und Mord.

Kurt Bauer: Die dunklen Jahre. Politik und Alltag im nationalsozialistischen Österreich 1938 bis 1945 S. Fischer 2017,239 S.

Flüchtlinge unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich

"We demand to open the gates of Palestine!", war auf der Barackenwand eines jüdischen Flüchtlingslagers in Salzburg plakatiert. Das "Wiener Jahrbuch für jüdische Geschichte" dokumentiert drei Fotobestände über das Schicksal von Überlebenden des Holocaust und sogenannter Displaced Persons aus Osteuropa, für die Österreich nach 1945 erste Zwischenstation auf dem Weg in die Freiheit darstellte. Ein Kapitel dieser vergessenen Geschichte: Zwischen 1970 und 1990 emigrierten 185.000 sowjetische Juden über Wien.

Danielle Spera, Werner Hanak-Lettner (Hrsg.): Displaced in Österreich. Jüdische Flüchtlinge seit 1945 Studien Verlag 2017,176 S.

Der Konflikt zwischen Russen und Ukrainern im Lauf ihrer Geschichte

Ein loser Herrschaftsverband slawischer Völker namens Kiewer Rus stand im Mittelalter am Anfang. In bekannt souveräner Manier rekapituliert der Wiener Osteuropahistoriker die wechselvolle Geschichte von Russen und Ukrainern: Vom Aufstieg Moskowiens über die Integration der ukrainischen "Kleinrussen" ins Zarenreich bis zum russischen "imperialen" Nationalismus und den Krisen der ukrainischen Nationenbildung. Eine Lösung des aktuellen Konflikts gibt es erst, "wenn Russland sich aus der Ukraine zurückzieht und seine paternalistische Haltung aufgibt".

Andreas Kappeller: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart C. H. Beck 2017,267 S.

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