: WIRTSCHAFTSWISSENSCHAFTEN

"Für Wettbewerbsfähigkeit brauchen wir Betreuungund Ressourcen"

Edeltraud Hanappi-Egger, Informatikerin und Rektorin der Wirtschaftsuniversität Wien, im Gespräch über die Zukunftsaussichten der wirtschaftswissenschaftlichen Studien in Österreich

Jochen Stadler | aus HEUREKA 5/17 vom 25.10.2017

Frau Rektorin, die WU Wien ist, verglichen mit anderen Universitäten, recht praxisorientiert. Wie wichtig ist die Wissenschaft im Studium?

Edeltraud Hanappi-Egger: Sie ist das zentrale Element in der universitären Lehre. Die WU Wien bereitet ihre Studierenden mittels forschungsgeleiteter Lehre auf die Berufstätigkeit vor und qualifiziert sie für vielfältige Disziplinen und Einsatzgebiete, nicht nur für ein spezielles Berufsfeld.

Sind WU-Professoren wissenschaftlich genauso aktiv wie etwa ihre Kollegen in den Life-Sciences?

Hanappi-Egger: Natürlich! Exzellente Forschung ist ein Leitprinzip der WU Wien. Unsere Wissenschafter und Wissenschafterinnen beschäftigen sich mit relevanten Themen, publizieren ihre Forschungsergebnisse in wichtigen Fachjournalen und bringen diese auch über Medien und Podiumsdiskussionen in die öffentliche Diskussion ein.

Wie wichtig ist die Wissenschaft für die Wirtschaft?

Hanappi-Egger: Wirtschaftswissenschaftliche Forschung trägt zu einem umfassenden Verständnis des Zusammenspiels von ökonomischen, sozialen und ökologischen Faktoren bei - und damit natürlich auch zu zukunftsfähigem Wirtschaften.

Was sind zurzeit die brennenden Themen in den Wirtschaftswissenschaften?

Hanappi-Egger: Etwa Digitalisierung und Dezentralisierung, die aktuell vor allem Wirtschaftsfragen aufwerfen: Wie sich Arbeit verändern wird, welche Auswirkungen das auf den Arbeitsmarkt hat, welche neuen Geschäftsmodelle sich auftun, wie verschiedene Märkte darauf reagieren und mehr. Spannend sind im Moment auch Fragen zu Alterung und Gesundheit, ökonomische Ungleichheit, Teilhabechancen und Wohlstandssicherung, disruptive Technologien und ihre wirtschaftspolitischen und gesellschaftlichen Konsequenzen wie in der Kryptoökonomie. Auch das Thema der Gestaltung der Globalisierung mit ihren vielfältigen Auswirkungen wird in allen Disziplinen an der WU Wien ein Dauerbrenner bleiben.

Gibt es eine Diskrepanz zwischen der Wissenschaft und der Umsetzung in der Praxis?

Hanappi-Egger: Der Wissenstransfer zwischen WU Wien und Wirtschaft ist grundsätzlich in beide Richtungen sehr erfolgreich. Wirtschaftswissen fließt in die Gestaltung gesellschaftlicher Systeme ein, und die WU Wien erhält wichtiges Feedback zur Praxisrelevanz ihrer Forschungs-und Lehrthemen. Der Forschungstransfer in Richtung evidenzbasierter Wirtschaftspolitik sollte aber noch deutlich ausgebaut werden.

Gibt es Bereiche der Wirtschaftswissenschaften, bei denen großer Forschungsbedarf besteht?

Hanappi-Egger: Aktuelle Wirtschaftssysteme zeichnen sich durch hohe Komplexität, globale Vernetzungen und unvorhergesehene Dynamiken aus, daher müssen die entsprechenden Fragestellungen multidisziplinär bearbeitet werden, also ökonomische, soziale, ökologische und rechtliche Aspekte mitbedacht werden. Das gilt es noch auszubauen.

Ist die Wirtschaftswissenschaft in Österreich groß genug?

Hanappi-Egger: Einerseits ist die Kooperation zwischen Wirtschaftswissenschaften und technisch-naturwissenschaftlicher Forschung noch ausbaufähig. Für die WU Wien geht es um die internationale Wettbewerbsfähigkeit. Das heißt, wir brauchen entsprechende Betreuungsrelationen und Ressourcenausstattungen.

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