: RECHTSWISSENSCHAFTEN

Internationaler, europäischer, interdisziplinärer

Walter Berka, Universität Salzburg, und Elmar Pichl, Leiter der Hochschulsektion im BMWFW, über die Zukunft der Rechtswissenschaften

Barbara Freitag | aus HEUREKA 5/17 vom 25.10.2017

Herr Berka, Jus ist eines der am meisten nachgefragten Studien in Österreich. Warum?

Walter Berka: Nicht immer liegt zunächst ein besonderes Interesse oder gar eine Leidenschaft für die Rechtswissenschaft zugrunde. Die besten unter den Studierenden kommen freilich im Lauf des Studiums auf den Geschmack: ,Es ist mit der Jurisprudenz wie mit dem Bier; das erste Mal schaudert man, doch hat man's einmal getrunken, kann man's nicht mehr lassen', wusste schon der Jurist Goethe.

Hat die Bologna-Reform das Jus-Studium bereits verändert?

Elmar Pichl: Die Rechtswissenschaften sind eine der letzten Studienrichtungen, die in Österreich noch nicht auf das Bologna-System im Sinn von Bachelor -Master - PhD umgestellt sind. Die Rechtswissenschaft zählt zu den ältesten Wissenschaftsdisziplinen, und der grundlegende Fächerkanon des heutigen Jus-Curriculums reicht in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurück. Veränderungen in der Studienstruktur, die immer auch mit dem spezifischen Fächerkanon verbunden ist, sind daher immer ein schwieriges Thema. Wo Bologna aber sichtbar geworden ist, sind die Bemühungen, auch im Rahmen der Curricula-Gestaltung der Diplomstudien europäische Mobilität, sprich Auslandssemester oder -aufenthalte, zu ermöglichen. Europarecht oder Völkerrecht gehören unter den Fächern, die im Ausland unproblematisch absolviert werden können und im Inland unkompliziert angerechnet werden, zu den Klassikern. In Bezug auf die Studienstruktur zeigt aber beispielsweise die WU Wien mit ihrem Studium des Wirtschaftsrechts, dass eine Kombination von Bachelor und Master nicht nur unter den Studierenden gut nachgefragt wird, sondern dass sie auch im Bereich der klassischen Justizberufe akzeptiert ist.

Warum ist das Jus-Studium noch immer ein Diplomstudium und wird sich das ändern?

Berka: Es ist ein Studium für hochgradig professionalisierte Berufe, auch wenn sich die Berufsbilder wandeln, und ein solches Studium braucht seine Zeit. Ein dreijähriger Bachelor wird gegenwärtig nirgendwo in Europa als ausreichend für die eigentlichen Rechtsberufe angesehen und würde gegenwärtig vom Markt nicht akzeptiert werden. Daher könnte die Bologna-Struktur nur in den Varianten 3+2 oder 4+1 realisiert werden, was auf eine deutliche Verlängerung der Studienzeit hinauslaufen würde, freilich aber auch die Chancen für eine Verbesserung der Studienbedingungen eröffnen könnte. Vertretbar wäre eine solche Verlängerung nur, wenn gleichzeitig die überaus langen Zeiten der praktischen Ausbildung bei den klassischen juristischen Berufen wie Anwalt, Richter und Notar verkürzt werden oder entsprechende Anrechnungsmöglichkeiten geschaffen werden.

Wie werden sich die juristischen Berufe verändern?

Pichl: Sie werden internationaler, europäischer, interdisziplinärer, kommunikativer und digitaler ausgerichtet sein. Entsprechend müssen sich auch die Studienangebote verändern. Die Rechtswissenschaftlichen Fakultäten müssen sich interdisziplinärer aufstellen, etwa in Richtung Neue Technologie oder Gesundheit wie Life-Sciences, und stärker an ihrer Grundlagenforschung arbeiten sowie die europäischen und die globalen Aspekte stärker berücksichtigen.

Hat die Studieneingangsphase, die sogenannte STEOP, eine Drop-out-Funktion angesichts des Andrangs von Studierenden?

Berka: Die STEOP hat sich bewährt, weil sie dazu führt, dass die Studienwahl bereits in einem frühen Stadium nochmals überprüft werden kann.

Gibt es Fächer, die man an Fachhochschulen auslagern könnte?

Pichl: Das klassische rechtswissenschaftliche Studium wird auch in der Zukunft ausschließlich universitär angeboten werden. An den Fachhochschulen werden bereits, und das soll auch in Zukunft so sein, interdisziplinäre Studiengänge angeboten, etwa Management und Recht, Finanzmanagement und Steuerrecht, wobei der rechtswissenschaftliche Anteil am Curriculum nicht überwiegen soll.

"Das klassische rechtswissenschaftliche Studium bleibt auch künftig universitär"

ElmAR PIchl

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