: WAS AM ENDE BLEIBT

Das Jahr 1917

Erich Klein | aus HEUREKA 6/17 vom 15.11.2017

Alltagserfahrungen in einem Land, in dem tatsächlich Kriege stattfinden, verleiten zu biederen Gedanken, sobald man in den Frieden zurückkehrt. Etwa der Art: Die wahre Metaphysik besteht darin, dass einmal Ruhe sein wird Dann ist eine Gewöhnungsphase angebracht, etwa um sich hier nicht ständig über das xte Revival irgendeines Military Look zu empören, nur weil dort real bewaffnete Camouflagen durch die Gegend laufen. Allerdings gibt es nicht nur hybride Kriegsführung, sondern auch einen hybriden Frieden, angesichts dessen sich bloßer Hausverstand als ziemlich hilflos erweist.

Dieser Tage war von "100 Jahre Oktoberrevolution" die Rede -mehr als ein wenig Fernsehen statt Aufklärung wurde daraus nicht. "Wir stürmen das Winterpalais" geriet sogleich zum neckischen Aufruf, einem Werbegag, den es nicht im Geringsten schert, dass 1917 eine Diktatur von atemberaubender Grausamkeit entstand. Nur Leo Trotzki, einer der Gründerväter des visionären Terrors aus dem Geist des Schwachsinns, fehlte noch: "Die Formen des Alltagslebens werden dynamische Theatralität annehmen. Der durchschnittliche Menschentyp wird sich bis zum Niveau des Aristoteles, Goethe und Marx erheben."

Das ehrwürdige Filmmuseum, so alt, dass es fast den Namen Lichtspieltheater verdient, betitelt eine Filmreihe zum Thema "Utopie und Korrektur". Warum nicht "Terror"? Weil sich dazu keine gelungene, keine "avancierte" Ästhetik fand? Nimmt hier noch jemand etwas ernst? Oder wird bloß noch die Leerformel "Marx-und-Lenin" mit laschem intellektuellem Snobismus durch "Walter Benjamin" ersetzt?

Diese Geschichte ist auch nicht angetan, dass unter halbakademischen Weihen, sprich außeruniversitär, Bögen von einer der Urkatastrophen Europas zu infantilen 1968er- Veranstaltungen wie "Kunst und Revolution" gezogen werden.

Das Böse im 20. Jahrhundert war weder schwarz glänzend noch rubinrot, sondern eine mattgraue Organisationsleistung von Bürokraten des Massenmordes.

Ossip Mandelstam, der selbst dem Kommunismus der Oktoberrevolution zum Opfer fiel, schrieb einmal: "Ich bin dankbar dafür, daß sie mit allem geistigen Versorgtsein und einem Leben auf Kulturrente Schluss machte. Ich fühle mich als Schuldner der Revolution, bringe ihr jedoch Gaben dar, die sie vorläufig noch nicht benötigt." Warum denkt niemand mehr Friede und Utopie, nämlich ohne Hysterie und ohne Nabelschau?

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