: FREIBRIEF

Rührt euch!

Florian Freistetter | aus HEUREKA 6/17 vom 15.11.2017

Wissenschafter, Wissenschafterinnen müssen sich häufiger öffentlich zu Wort melden - das habe ich an dieser Stelle schon oft gesagt. Doch habe ich mich dabei auf die wissenschaftliche Öffentlichkeitsarbeit bezogen. Sie ist wichtig und wird noch immer nicht so ernsthaft verfolgt, wie es der Fall sein sollte.

Aber neben der Kommunikation mit der wissenschaftsinteressierten Öffentlichkeit gibt es auch andere Gründe, den sprichwörtlichen Elfenbeinturm zu verlassen. Etwa die Politik.

In den USA steht seit mehr als einem Jahr ein Mann an der Spitze des Staates, der massive Probleme damit hat, Erkenntnisse der Wissenschaft zu akzeptieren.

In Österreich verhandeln zwei Parteien über die Bildung einer Koalition, in der Klimawandelleugner zu Ministerämtern kommen sollen.

In Deutschland ist bei der letzten Wahl mit der AfD eine weitere, tendenziell wissenschaftsfeindliche Partei mit irrationalem Weltbild in den Bundestag eingezogen.

Kurz gesagt: Die Politik steht der Wissenschaft immer öfter feindlich gegenüber. Das ist ein großes Problem, denn viele Entscheidungen für unsere Zukunft haben ganz direkt mit der Wissenschaft zu tun (Klimaschutz, Energiewende, ,grüne' Gentechnik, etc).

Es ist daher gefährlich, wenn sich die Forschergilde weiterhin aus dem politischen Diskurs heraus hält. Natürlich gilt, dass die wissenschaftliche Arbeit aus sich selbst heraus motiviert sein muss und nicht auf politischen Zuruf zu erfolgen hat.

Aber wenn sich diejenigen, welche das Volk vertreten und Entscheidungen für unsere Gesellschaft treffen, immer wieder nicht an der Realität und den objektiven Erkenntnissen der Forschung orientieren, sondern an einem falschen oder ideologisch verzerrten Bild dieser Forschung, dann darf nicht mehr geschwiegen werden!

Die Wissenschafter müssen ihre Disziplin auch öffentlich gegen die Angriffe aus den Reihen der Politik verteidigen. Wissenschaftliche Falschaussagen von Politiker und Politikerinnen müssen an- und in der Öffentlichkeit aufgegriffen werden. Denn sonst wird die Wissenschaft noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Oder degeneriert im schlimmsten Fall zum ideologischen Gehilfen einer populistischen Politik.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs. de/astrodicticum-simple

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