Nachhaltig Wirtschaften: miteinander

Ein Unternehmer führte seinen Betrieb von der Bank weg hin zur Gemeinwohlbilanz

Text: Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 6/17 vom 15.11.2017

Das Schulbuch "Geospots" für die siebente und achte Klasse AHS sorgte im Frühjahr vergangenen Jahres unter Fachleuten für Empörung: In einer Grafik zu unterschiedlichen Wirtschaftstheorien war neben Ökonomen wie John Maynard Keynes oder Milton Friedman auch der Österreicher Christian Felber als Vertreter alternativer Theorien abgebildet. Für mehr als 140 Wirtschaftswissenschafter und Wirtschaftswissenschafterinnen zu viel der Ehre für jemanden, der bislang keine wissenschaftlichen Publikationen vorzuweisen hat. Ein gemeinsamer Protest führte dazu, dass Felber aus dem Schulbuch gestrichen wurde.

Die Ideen und Werte, die Felber in zahlreichen Büchern und Artikeln propagiert, erfreuen sich dennoch immer größerer Beliebtheit. Der studierte Philologe ist das Sprachrohr der Gemeinwohlökonomie-Bewegung, deren Ziel es ist, ein ethisches Wirtschaftsmodell zu entwickeln. Das Wohl der Allgemeinheit und nicht der finanzielle Profit steht dabei im Vordergrund, Kooperation statt Konkurrenz ist der Leitfaden.

Die fünf zentralen Grundwerte der Gemeinwohlökonomie sind Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie demokatische Mitbestimmung und Transparenz. Mithilfe der "Gemeinwohlbilanz" wird die Umsetzung dieser fünf Grundwerte im Wechselspiel mit den wichtigsten Berührungsgruppen wie Lieferanten, Mitarbeitern oder dem gesellschaftlichen Umfeld bewertet und so der Beitrag eines Unternehmens oder einer Institution zum Gemeinwohl gemessen.

Ein Unternehmer wagt den Schritt zur Gemeinwohlbilanz

Das IT-Unternehmen von Bernhard Winter in Salzburg hat sich 2011 dazu entschlossen, nach den Kriterien der Gemeinwohlökonomie zu wirtschaften. Gegründet hat Winter seine Firma bereits im Jahr 1995. Die Neuorientierung des Betriebs erfolgte buchstäblich aus einer Not heraus. "Mitten in der Wirtschaftskrise hat uns die Bank trotz bestehender Verträge den Kreditrahmen gestrichen", erzählt Winter. "Es ging uns sehr schlecht. Mir wurde klar, dass ich unter diesem Druck nicht mehr arbeiten will und es Zeit für eine Veränderung ist."

Sozial und ökologisch engagiert sei er schon immer gewesen, sagt er. Ein Buch von Christian Felber überzeugte ihn davon, diesen Weg auch im Arbeitsleben einzuschlagen. Winter stellte das Konzept in der Firma vor und fand Zustimmung bei seinen Mitarbeitern. Für das Jahr 2011 wurde daraufhin die erste Gemeinwohlbilanz erstellt. Ein Schritt, der das Unternehmen grundlegend veränderte: "Durch die Bilanz sieht man die Dinge in einem anderen Licht und erkennt Handlungsmöglichkeiten."

"Herkömmliche Nachhaltigkeitsberichte beschäftigen sich vorrangig mit der Innen-Außen-Wirkung eines Unternehmens. Es geht dabei um eine Minimierung der negativen Effekte der Firmentätigkeit", sagt Michael Müller-Camen, der an der WU Wien das Institut für Personalmanagement leitet und im Bereich des nachhaltigen Personalmanagements forscht. Die Gemeinwohlbilanz berücksichtige im Gegensatz dazu die positiven Beiträge, die ein Unternehmen zur Bewältigung von Nachhaltigkeitsproblemen wie etwa Ausbeutung, Arbeitslosigkeit oder Klimawandel leistet, erklärt Müller-Camen: "Die Perspektive wird um eine Außen-Innen-Sicht erweitert."

Selbstbestimmt wird mehr geleistet - und das sogar in kürzerer Zeit

Auf der ganzen Welt haben sich mittlerweile Bewegungen in diese Richtung etabliert, wie etwa der "Conscious Capitalism" in den USA oder die "Teal Organizations" des Belgiers Frédéric Laloux. "Die Konzepte überschneiden sich", meint Müller- Camen. "Alle streben einen positiven Beitrag zur Umwelt und zur Gesellschaft an, setzen sich für Selbstverwaltung und Mitbestimmung ein und haben als gemeinsames Ziel, einen Sinn in der Arbeit zu finden."

Angesichts der immer offensichtlicher werdenden Probleme der Welt hegten immer mehr Menschen den Wunsch nach Veränderung, meint Müller-Camen. "Das kann ich auch bei meinen Studierenden beobachten. Die jungen Menschen haben großes Interesse an neuen Konzepten. Auch Firmen werden sich zunehmend ihrer Verantwortung gegenüber Umwelt und Gesellschaft bewusst werden müssen."

"Wir haben alle Bereiche auf einmal angegriffen und viele Dinge infrage gestellt", berichtet Bernhard Winter. Das gesamte Geschäftsmodell der Firma wurde radikal umgestellt, zentraler Punkt und gleichzeitig größtes Lernfeld war dabei die Einführung der Basisdemokratie. Jede Entscheidung im Unternehmen werde von allen Mitarbeitern gemeinsam getroffen. Kommuniziert wird untereinander vollkommen transparent. "Mitunter kann das auch etwas mühsam werden, vor allem, wenn es um Kleinigkeiten geht." Im Endeffekt zahlten sich die Mühen aber aus: "Es entsteht ein gleichwertiges Miteinander, alle ziehen an einem Strang und teilen durch die Mitbestimmung auch die Verantwortung."

Gemeinschaftlich entschieden wird über die Höhe der Gehälter, die Länge der Arbeitszeit oder das nachhaltige Kantinenangebot genauso wie über mögliche Projekte oder die Auswahl der Kunden. "Dadurch, dass die Mitarbeiter den Maßstab festlegen, setzen wir uns auch realistische Ziele, die wirklich erreichbar sind", betont Winter. Die Gruppe treffe im Normalfall schnellere und bessere Entscheidungen: "Bei jedem Auftrag wird überlegt: Machen wir das? Können wir das schaffen? Und manchmal muss man sich dann auch von einem Kunden trennen, der dem Unternehmen nicht gut tut." Die Leistungsbereitschaft sei dadurch, dass jeder Einzelne die Entscheidungen der Gruppe mitträgt, gestiegen: "Im Endeffekt leisten wir heute in weniger Zeit mehr als früher."

Bestrebungen, mehr Mitbestimmung in Unternehmen zu erreichen, habe es in Deutschland schon während der Wirtschaftskrise in den 1970er Jahren gegeben, erinnert Michael Müller-Camen. Der seinerzeitige Wunsch der Gewerkschaften, auch bei wirtschaftlichen Entscheidungen mitreden zu können, wurde allerdings nicht erfüllt. "Damals war die Zeit für solche Veränderungen einfach noch nicht reif. Das Bewusstsein muss sich innerhalb der Betriebe entwickeln und nicht von außen hereingetragen werden", ist Müller-Camen überzeugt. "Die gesellschaftlichen Probleme werden in Zukunft immer größer werden. Die Lösungen müssen von den Unternehmen kommen."

Der Weg hin zu einem neuen Selbstverständnis des Arbeitslebens war und ist dabei auch für Bernhard Winter und seine Mitarbeiter nicht einfach. "Veränderungen erzeugen immer auch Ängste, und es braucht Zeit, bis eine Verbesserung sichtbar wird", meint Müller-Camen. "Man muss ständig hinterfragen und reflektieren, und alles, was man angeht, produziert natürlich einen Mehraufwand. Die Gemeinwohlbilanz beispielsweise bedeutet viel Arbeit." Einige Mitarbeiter hätten sich im Lauf der vergangenen fünf Jahre daher dafür entschieden, das Unternehmen zu verlassen: "Diejenigen, die geblieben sind, haben sich langsam an die Sache herangewagt."

Nach eineinhalb Jahren Gemeinwohlbilanz unabhängig von der Bank

Eineinhalb Jahre nach der ersten Gemeinwohlbilanz war Winters Firma unabhängig von der Bank: "Das war das Hauptziel für alle." Bis heute wird der einmal beschrittene Weg konsequent fortgeführt und weiterentwickelt. Entscheidend ist für Winter aber, dass sich die fünf Grundwerte Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit und Transparenz mittlerweile nicht nur im Arbeitssondern auch im Privatleben der aktuell achtzehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen fest verankert haben. Darüber hinaus habe sich auch das Verhältnis zu den Mitbewerbern grundlegend verändert. Wo früher gar nicht miteinander geredet wurde, wird jetzt gegenseitig ausgeholfen. "Wir haben uns langsam aneinander herangetastet, mittlerweile tauschen wir uns abseits jeglicher Konkurrenz aus. Wir sind stabiler und nachhaltig erfolgreicher geworden. Die Gemeinwohlökonomie ist unser Fundament", fasst Bernhard Winter zusammen und ergänzt: "Die Gemeinwohlökonomie stellt den Rahmen für die Unternehmensentwicklung zur Verfügung. Wo es hingehen soll, muss man selbst entscheiden."

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