: HORT DER WISSENSCHAFT

Liebe lässt sich nicht verordnen

Martin Haidinger | aus HEUREKA 6/17 vom 15.11.2017

Heute, werte Lesegemeinde, werde ich Haidingers Hort der Wissenschaft einmal in einen gepflegten Zitatenfriedhof verwandeln. Zu Wort kommen dabei zwei höchst gegensätzliche Philosophen, die allerlei zur zwischenmenschlichen Lebensgestaltung zu sagen hatten.

Anfang der 1980er Jahre sprach der Philosoph Sir Karl Popper beim Europäischen Forum Alpbach in einem Vortrag zur "Erkenntnis und Gestaltung der Wirklichkeit" über seine "Drei-Welten- Theorie".

Sie kennt neben der "Nummer eins", der physischen Welt, und der "Nummer zwei", dem persönlichen Bewusstsein, auch noch eine Welt "Nummer drei", jene der geistigen Inhalte. Sie existieren für Popper unabhängig und objektiv: nämlich Ideen und Theorien. Das konstruktive Wechselspiel von Welt Nummer zwei und Welt Nummer drei unterscheide laut dem Philosophen den Menschen vom Tier.

Zitat: "Vom biologischen Standpunkt der natürlichen Auslese ist die Hauptfunktion des Geistes und der 'Welt drei', dass sie die Anwendung der bewussten Kritik möglich machen, und damit die Auswahl der Theorien ohne die Tötung ihrer Träger. Bis dorthin wird die Auswahl der Theorien dadurch vollzogen, dass die Tiere, die irgendeine Theorie formuliert haben, oder eine Mutation darstellen (denn jede Mutation kann als Theorie interpretiert werden), getötet werden." Welch großartige Errungenschaft, auch den Unterlegenen am Leben zu lassen! Erst so wird ein Wettstreit der Ideen ohne Austoben des Killerinstinkts möglich. Es kann ein Konsens gefunden und bisweilen können sogar Koalitionen geschlossen werden.

Dass unsere Welt freilich selbst bei aller größtmöglichen Toleranz keine werden kann, in der sich alle liebhaben, wusste ein anderer Philosoph, der Sir Popper nicht gerade nahestand, der große Held der Neuen Linken, Theodor Ludwig Wiesengrund Adorno. Zitat: "Vielleicht ist die Wärme unter den Menschen, nach der alle sich sehnen, außer in kurzen Perioden und ganz kleinen Gruppen, vielleicht auch unter manchen Wilden, bis heute überhaupt noch nicht gewesen." Woran sich seit dem Ende von Adornos 1960er Jahren wohl nichts geändert hat. Liebe lässt sich nicht verordnen. Aus einem komplexen Gesellschaftsgefüge kann man äußerstenfalls kühle Toleranz herausholenund das ist schon schwierig genug.

Kann andererseits allgemeiner Altruismus durch grenzenlose Toleranz erwachsen? Toleranz auch jenen gegenüber, die selbst Intoleranz und eine totalitäre Ideologie oder Religion als Programm haben? Ich sage heute einmal ganz humorlos: Nein.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige