Was ist Altruismus wert?

Ist Altruismus biologisch bedingt? Und welchen Nutzen hat er für die Menschheit?

Text: Uschi Sorz | aus HEUREKA 6/17 vom 15.11.2017

Wäre er nicht sofort ins eiskalte Wasser gesprungen, wäre das kleine Mädchen ertrunken. Er ist ein Held. Ist er auch ein Altruist? "Schwer zu sagen", meint Claus Lamm, Professor für Biologische Psychologie und Leiter der Social, Cognitive and Affective Neuroscience Unit an der Universität Wien. Die neuronalen und biologischen Grundlagen von Empathie, Mitgefühl, Egoismus und Altruismus sind sein Forschungsgebiet. "Auf jeden Fall hat er altruistisch gehandelt."

Aber was war sein Motiv? Ein Held zu sein? In der Zeitung zu stehen? Sich selbst gut zu fühlen? Wenn das nur so klar wäre. Zumeist wird der Antrieb für eine gute Tat wohl ein Gemisch aus Gefühlen, Impulsen und mehr oder weniger unbewussten Einflüssen sein. Dazu kann natürlich auch Eigennutz zählen. Das Ansehen steigt. Und wie man aus neurowissenschaftlichen Studien weiß, auch das eigene Glücksgefühl. Experten nennen es "Warm Glow", dieses Wohlbehagen, das da in einem bestimmten Bereich der Großhirnrinde seinen Ausgang nimmt und uns durchströmt, wenn wir etwas für andere tun. Schmälert es die gute Tat? Gibt es überhaupt echte Altruisten?

Mitgefühl führt oft, aber nicht immer zu Altruismus

Lamm schmunzelt. "Bei bestimmten Bakterien, die in den Tod gehen, um andere Bakterien am Leben zu erhalten, ist es eindeutig. Beim Menschen kann man so einen puren Altruismus aber schwer belegen." Dieser sei jedenfalls frei von Eigennutz. "Da geht es ausschließlich um den anderen."

Selbstverständlich stehe dieser großherzige Antrieb auch hinter vielen altruistischen Handlungen. Eben neben der ganzen Bandbreite an anderen Motiven, mit der er verflochten sein kann. "Es ist daher sinnvoller zu schauen, was überwiegt." Liegt der größere Nutzen beim anderen oder bei einem selbst? "So kann ich am ehesten einen aufrichtigen Altruismus von einem stark egoismusgefärbten unterscheiden." Forscher sprechen übrigens lieber von prosozialem Verhalten. Vielleicht um dem hehren Ideal des reinen Altruismus eine realistischere Entsprechung zu geben.

Lamm betont, dass Altruismus keine fixe Größe ist. "Die Genetik liefert zwar eine Grundausstattung. Aber wie diese angeborene Fähigkeit sich entwickelt, hängt von den Umwelterfahrungen ab." Sprich vom Ausmaß, in dem sie gefördert oder unterdrückt wurde. Somit habe man lebenslang die Chance, sie sich bewusst zu machen und anzutrainieren. "Keinesfalls lässt sich aus Verhaltensexperimenten oder Messungen im Gehirnscanner ein Determinismus ableiten."

Lamm untersucht, wie Empathie und Altruismus zusammenhängen. "Das sind verschiedene Dinge." Empathie ist das Vermögen zu fühlen, was der andere fühlt. Das führe nicht notwendigerweise zu Altruismus. Zwischengeschaltet sei das Mitgefühl, das Empathie aber nicht zwangsläufig auslöse. Diese diene eher der Information. Und Mitgefühl übersetze sich zwar oft, aber nicht immer in eine gute Tat.

"Auf dem Weg von der Empathie zum Mitgefühl oder von diesem zum Altruismus kann einiges schiefgehen." Unter anderem mache sich auch hier wieder der Einfluss des Umfelds geltend. "Nehmen wir die Refugees-welcome-Bewegung vor zwei Jahren. Wenn das politisch-gesellschaftliche Umfeld Flüchtenden einigermaßen wohlwollend gegenübersteht, kann das altruistische Impulse verstärken. Inzwischen hat sich die gesellschaftliche Großwetterlage geändert, und es engagieren sich merklich weniger Menschen."

Womit wir zu einem anderen Punkt kommen, der Lamm in Bezug auf Altruismus wichtig ist: Nachhaltigkeit. Mit der Ökonomisierung des Altruismus habe er Schwierigkeiten, sagte er einmal in einem Standard-Interview. Was er damit meint? "Die Haltung, dass das Ergebnis wichtiger sei als das Motiv", erklärt er. "Wenn plötzlich die Zustimmung von außen fehlt, kann sich die Hilfsbereitschaft nämlich schnell verflüchtigen." Auch wenn es müßig sei, den einzig wahren, reinen Altruismus zu suchen: Welche Triebfedern innerhalb dieser Gemengelage an Gefühlen die stärksten seien, entscheide darüber, wie nachhaltig er sei.

Altruismus kann auch ökonomische Entscheidungen betreffen

Etwas anders sieht das Philippe Tobler von der Universität Zürich. Er ist Professor für Neuroökonomie und Soziale Neurowissenschaften am Institut für Volkswirtschaftslehre. Die Methoden seiner Disziplin, einer Kombination aus Neuro- und Computerwissenschaften, Ökonomie und Psychologie, und teils auch deren Interessen ähneln zwar jenen von Lamm, dennoch macht sich die Tradition der Ökonomie bemerkbar. "Die eigene Freude über die gute Tat nimmt ja nicht weg, dass man das Richtige tut und sich darüber auch meist im Klaren ist", meint Tobler. "Wenn prosoziales Verhalten das Glücksgefühl erhöht, ist das doch ein schönes Nebenprodukt."

Zum inneren Anreiz-und Belohnungssystem durch den Warm Glow hat Tobler viele Studien gemacht. Während er die Hirnsignale seiner Versuchspersonen misst, stellt er sie vor Entscheidungen, die nicht nur um Geld, sondern generell um Werte gehen. Dabei habe sich herausgestellt, dass Menschen öfter altruistisch handeln, als man gemeinhin annehme. Das unterscheidet die Neuroökonomie fundamental von der klassischen Ökonomie, die sich gar nicht für Beweggründe interessiert. Als Modell führt Letztere den ultrarationalen Homo oeconomicus ins Feld, der nur Nutzenmaximierung und Effizienz im Sinn hat. Wenn dieser kühle Rechner erfolgreich sei, habe immerhin die gesamte Volkswirtschaft etwas davon, so ein Argument. Der Haken: "Er ist unrealistisch", so Tobler.

Natürlich muss auch der Homo oeconomicus nicht per se unmoralisch sein. Auch könnte ihm der Nutzen des Warm Glow einleuchten. Doch Tobler sagt: "Ob der Warm Glow für den Altruismus unbedingt nötig ist, ist ja noch nicht geklärt." Zumindest würden Hunderte von neueren empirischen Befunden zeigen, dass Menschen deutlich vom Homo oeconomicus abweichen und auch ohne Profit für sich selbst oder ihre nächsten Verwandten altruistisch sind.

In der Solidargemeinschaft wäscht eine Hand die andere

Dem Vorwurf, dass es sich bei der Neuroökonomie um Grundlagenforschung handle, die sich nicht ohne Weiteres auf wirtschaftspolitische Strategien umlegen lasse, setzt Tobler entgegen: "Letztlich steuert das Gehirn das Verhalten. Eine gute Theorie sollte deshalb zumindest biologisch plausibel sein." Eingeflossen seien die Erkenntnisse über die Mechanismen von sozialem Verhalten, Altruismus und Fairness aus der Neuroökonomie und der damit verwandten Verhaltensökonomie durchaus schon. So komme aus Letzterer das "Nudging", das gezielte Anreizesetzen der Politik, um sozial wünschenswerte Verhaltensweisen zu fördern. Etwa Verkehrsregeln zu beachten oder Energie zu sparen.

"Ähnliche neuroökonomische Erkenntnisse wie bei uns gibt es auch in Amerika und Asien", berichtet Tobler. In China etwa erforscht man die Auswirkungen einer individualistischen gegenüber einer kollektivistischen Kultur auf Altruismus. "In allen Kulturen gibt es Formen von prosozialem Verhalten." Was gut sei, denn dieses schaffe Vertrauen und mache so die Gesellschaft als Ganzes stärker.

Dem stimmt Lamm zu. Von der Tradition der Kognitionspsychologie kommend, sehe er allerdings auch zwischen Altruismus und "Reziprozität" einen feinen Unterschied. Die Gastfreundschaft sei hier ein Paradebeispiel: "Wo alle gastfreundlich sind, kommt jeder gut unter." Da spiele es keine Rolle, ob der Gast sich später beim Gastgeber revanchiere oder nicht. Der könne sich ja darauf verlassen, dass er bei Bedarf ebenfalls irgendwo aufgenommen werde.

Ein ähnliches Prinzip ist Nachbarschaftshilfe. Natürlich könne das Erlernen solcher Kooperationsformen irgendwann zu echtem Altruismus führen, weil "vielleicht einmal jemand auf die Idee kommt, keine Gegenleistung zu erwarten". Selbst wenn er altruistisches Handeln von einer altruistischen Einstellung trenne: "Bei helfenden Robotern würde ich nicht sagen, das gilt nicht, weil der keine Entscheidungsfreiheit hat."

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