: BRIEF AUS BRÜSSEL

EU-Altruismus

Emily Walton | aus HEUREKA 6/17 vom 15.11.2017

Nach wahren Altruisten muss man in der Hauptstadt der Lobbyisten womöglich lange suchen: Es dürfte nur äußerst selten vorkommen, dass in Brüssel jemand seine Stimme aus völlig uneigennützigen Motiven für eine Sache einsetzt bzw. abgibt. Die Frage ist: Wie streng darf oder muss man es mit dem Altruismus in der (europäischen) Politik nehmen?

Kann man voraussetzen, dass jemand auf dieser Bühne lupenrein selbstlos handelt? Der Duden definiert Altruismus als Antonym zu Egoismus. Zwischen Eigennutz und Selbstlosigkeit liegt wohl, was man von ordentlichen Politikern auf europäischer Ebene erwarten kann: Das Gemeinwohl soll im Mittelpunkt stehen und nicht der eigene Vorteil. Selbst wenn das Handeln davon geleitet ist, dass man vom größeren gemeinsamen Ganzen auch selbst profitiert.

Damit lässt sich dann "zu Hause" auch wieder gut argumentieren, vor allem, wenn man in der Europäischen Union zu den Nettozahlern zählt. Gern wird dann davon gesprochen, dass aus jedem Euro, den man in das EU-Budget einzahlt, über Umwege mehrere Euros werden. Oder man legt es gleich ganz grundsätzlich an und sieht die Sicherung des Friedens als Nutzen der EU - für etwas, das im Grunde unbezahlbar ist, scheint jeder Cent gut angelegt.

Mitunter gestaltet sich das Erklären nach diesem Muster auch schwierig: Wie soll man jemandem in Gramatneusiedl schlüssig erklären, dass es auch in seinem Interesse ist, Milliarden nach Griechenland zu überweisen, um dort den Staatsbankrott und das Ausscheiden aus dem Euro zu verhindern? Wie will man jemandem in Wien weismachen, dass weitere Milliarden nach Zypern fließen sollen, obwohl man davon ausgehen kann, dass auf den dortigen Banken größtenteils Schwarzgeld, größtenteils aus Russland gebunkert wird?

Was passiert, wenn der Glaube an den eigenen Nutzen aus dem Gemeinwohl verloren geht, hat man in Großbritannien gesehen: Dort hat es im Wahlkampf vor der "Brexit"-Volksabstimmung gereicht, eine ganz einfache Rechnung aufzustellen: Wir, die Briten, überweisen pro Woche soundso viele Millionen Pfund nach Brüssel. Wenn wir nicht mehr dabei sind, können wir das Geld für etwas anderes verwenden. So einfach ist es natürlich nicht -aber simpel genug war es, um zumindest jene Briten anzusprechen, bei denen der innere Egoist den Altruisten übertönt.

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