Altruismus für Milliardäre

Viele Superreiche spenden im großen Stil. Was hat es mit dieser Nächstenliebe auf sich?

Text: Joshua Köb | aus HEUREKA 6/17 vom 15.11.2017

Im August spendete Bill Gates 4,6 Milliarden Dollar. Gemeinsam mit Ehefrau Melinda hat der Microsoft-Gründer bereits 35 Milliarden seines enormen Vermögens abgetreten. Gates ist einer der größten Wohltäter der Geschichte. Nicht genug damit, animiert er auch andere Superreiche zum guten Zweck. Mit Warren Buffett, seines Zeichens Großinvestor, gründete er die Initiative The Giving Pledge. Geht es nach ihnen, sollen Millionäre und Milliardäre mindestens die Hälfte ihres Reichtums für die Bekämpfung von Krankheiten, Armut und Bildungsmangel spenden. Viele ihrer reichen Freunde pflichten dem bei, schließlich lässt sich all das Geld auch in mehreren Leben nicht verprassen.

Die Bekämpfung von Ungleichheit durch Ungleicheit - ist das glaubwürdig?

Das Resultat ist ein nie dagewesener, spektakulärer Wohltätigkeitszirkel. Mit einem Anstrich Denkmalpflege. Man kennt das von früher. Schon im 19. Jahrhundert berieten vermögende Damen bei Tee und Keksen über den Bau neuer Kirchen und Schulen. Aufgrund des in den USA kaum ausgeprägten Wohlfahrtsstaates hat das Spenden und Stiften vor allem bei Amerikas Superreichen Tradition. Damals wie heute gilt: Wer mehr als genug hat, für den ist Geiz alles andere als geil.

Trotz der erwiesenen Wohltaten geraten die Spenden der Superreichen häufig in den Verdacht der Profilierungssucht und Imagepflege. In Zeiten allgegenwärtiger Verteilungsdebatten erntet die Bekämpfung von Ungleichheit durch Ungleichheit wenig Glaubwürdigkeit.

Aus demokratischer Sicht problematisch erscheinen zudem die private Machtkonzentration und die unkontrollierte Einflussnahme einiger weniger. Einzelpersonen würden die Kompetenzen des Staates untergraben, so die Kritik. Doch was ist wirklich dran an diesen Vorwürfen? Entziehen sich private Großspenden der demokratischen Kontrolle? Wie stark beeinflusst die Weltanschauung des Spenders den Fluss des Geldes?

Angesprochen auf diese Problematik weist Georg von Schnurbein, Leiter des 2008 gegründeten Center for Philanthropy Studies (CEPS) an der Universität Basel auf die indirekte demokratische Kontrolle durch die Steuergesetzgebung sowie staatliche Abzugsmöglichkeiten und die Definitionsmacht über das Gemeinnützige hin. Auch die Machtkonzentration sei nur punktuell spürbar. "In allen gemeinnützigen Bereichen wie Umwelt, Kunst, Bildung, Soziales etc. übersteigen die staatlichen Ausgaben die philanthropischen Mittel um ein Vielfaches. Der Staat kann über Gesetze viel mehr Steuerung vorgeben", so der Experte. Zugleich ergäbe sich daraus jedoch eine stärkere Konzentration der Spendenmittel. Mit durchaus positiven Effekten, wie von Schnurbein betont. Während ein annähernd nachhaltiges Engagement aufgrund von Regierungswechseln oft nicht möglich sei, könnten private Spender über viele Jahre oder Jahrzehnte hinweg konstante Arbeit leisten.

Der Historiker und Soziologe Rainer Zitelmann hat sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dem Leben und Handeln der Superreichen beschäftigt. Im Frühjahr erschien sein Buch "Psychologie der Superreichen". Grundsätzlich würden sich die Motive der Vermögenden nicht von jenen anderer Menschen unterscheiden. "Naturgemäß spenden Menschen, die mehr Geld haben, mehr Geld als solche, die weniger Geld haben", so Zitelmann. Generell hält er die Fixierung auf Motive für wenig zielführend, bedeutend seien vielmehr die konkreten Auswirkungen. "Man kann aus wunderbaren altruistischen Gründen spenden, aber das Geld fließt in sinnlose Projekte. Man kann umgekehrt aus ganz eigennützigen Gründen spenden, und das Geld fließt in sehr hilfreiche Projekte. Ich glaube nicht, dass denen, denen das Geld zugute kommt, der Grund wichtig ist, sondern die Wirkung."

Wie soll man helfen? Der Altruismus zieht eine Beraterindustrie nach sich

Richtig helfen ist schwierig. Nicht jede Hilfe kommt an, nicht alle Hilfsprojekte sind erfolgreich. Wem, wann und wie geholfen werden soll, ist keine leichte Entscheidung. Längst schart sich um die großen Geldgeber eine von Beratern, Anwälten und Banken getragene Industrie zur Sondierung möglicher Betätigungsfelder. Dies führe auch zu Übertreibungen und fragwürdigen Aktivitäten, meint Georg von Schnurbein. Dass Philanthropie zum Selbstzweck verkomme, sei aber keine Gefahr. "Schließlich exponieren sich Philanthropen auch und bekommen nicht nur Dank und Anerkennung für ihr Engagement - gerade in Europa -, sondern sehen sich auch Kritik ausgesetzt." Für eine erfolgreiche Spendentätigkeit rät er den Wohltätern ein persönliches Interesse an der Organisation bzw. am Projekt, die Bündelung der Mittel und mehrjährige Treue.

Mit der öffentlichen Kritik hat sich auch Zitelmann auseinandergesetzt: "Vermutlich gibt es auch Reiche, die deshalb spenden, weil sie die Erwartung damit verbinden, dass dies diejenigen etwas besänftigt, die ihnen den Reichtum neiden." Solche Erwartungen würden aber mit Sicherheit enttäuscht, "denn die Antikapitalisten und Reichenhasser finden keinen Reichen nur deshalb besser, weil er sich philanthropisch betätigt. Im Gegenteil". Den Grund für die weitverbreitete Skepsis sieht Zitelmann in einer falsch geführten Diskussion um die gesellschaftliche Verantwortung der Reichen. "Wer die Formulierung verwendet, er müsse der Gesellschaft etwas zurückgeben, sitzt selbst der völlig falschen Vorstellung auf, Reichtum sei ein Nullsummenspiel, bei dem der Gewinn des einen der Verlust des anderen sei."

Wo soll man helfen? Katastrophen werden nicht durch Projekte behoben

Wer nach plötzlichen Umweltkatastrophen wie Hurrikans oder Tsunamis spendet, kann wenig falsch machen. Bei solch singulären Ereignissen bleibt kaum Zeit für Erwägungen. Rasches Handeln ist gefragt, darum werden auch opportunistisch anmutende Geldspenden in der Regel wohlwollend aufgenommen. Doch Katastrophen können nicht durch "lauter kleine Hilfsprojekte behoben werden. Dazu braucht es immer auch die professionelle und massive Hilfe der großen Non-Profit-Organizations", so Georg von Schnurbein.

Bei größeren Hilfsprojekten mit langfristigen Zielen gestaltet sich die Spendentätigkeit etwas komplizierter. Der Erfolg der Mission ist ungewiss, unerwartete Schwierigkeiten verzögern das Vorankommen. Eine funktionierende Hilfe in Krisengebieten hängt von vielen Faktoren ab. Wer sein Geld beispielsweise in Bildungs-, Ernährungs-oder Infrastrukturprojekte in Afrika steckt, muss die lokalen Gegebenheiten und Machtverhältnisse verstehen, die Bevölkerung für sich gewinnen und sich gegebenenfalls arrangieren. Damit das Geld nicht in dubiosen Kanälen versickert, braucht es zuverlässige Partner. Diese zu finden, ist nicht leicht. Gerade im Korruptionssumpf afrikanischer Regierungen verschwinden oft große Summen. Solch beschwerliche Umstände ersticken manch gut gemeinten Ansatz gleich im Keim.

Dieses Problem betrifft jedoch auch die staatliche Entwicklungshilfe. Kommt das Geld nicht an den vorgesehenen Stellen an, stellt sich irgendwann die Frage nach dem Sinn. Dass die fehlende Kontrolle vor Ort automatisch zu Fehlentwicklungen führe, bestätigt von Schnurbein. "Aber gerade hier haben meiner Meinung nach private Philanthropen wie Bill Gates und andere mit ihren Stiftungen für neue Standards in der Entwicklungshilfe gesorgt, die es auch Konzernen schwieriger machen, einfach nur Geld zu bezahlen."

Gutes tun, um die eigene Schuld zu sühnen. Diese Art eines modernen Ablasshandels lässt sich beobachten, wenn große Unternehmen von Corporate Responsibility sprechen. Denn nicht selten tragen eben diese Unternehmen Mitschuld an Phänomenen, die sie mit großzügigen Spendenaktionen bekämpfen wollen. Öffentlichkeitswirksam wird Stellung gegen Ausbeutung und Diskriminierung bezogen. Im Zuge dessen werden einige Millionen an Hilfsorganisationen verteilt oder Eigeninitiativen ergriffen. Vermarkten Lebensmittelkonzerne humanitäre Projekte zur Trinkwasserversorgung in Afrika als Akt der Nächstenliebe, mutet das mehr wie eine rituelle Reinwaschung an.

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