Kooperation statt Technologie

Das sei die Formel, um intelligentes Leben auf der Erde zu retten, meint Martin Nowak

Interview: Martin Nowak | aus HEUREKA 6/17 vom 15.11.2017

Der an der Harvard University (USA) forschende, österreichische Mathematiker und Biologe Martin Nowak hat sich zu einem der führenden Evolutionstheoretiker entwickelt. Er beschreibt mit mathematischen Modellen biologische Vorgänge wie die Entstehung von Kooperation oder die Dynamik von Virusinfektionen und Krebserkrankungen. In "SuperCooperator" ("Kooperative Intelligenz"), einem mit einem britischen Journalisten verfassten populärwissenschaftlichen Buch, macht er seine Erkenntnisse publik.

S ie behaupten, die natürliche Selektion bringe Kooperation hervor. Wie kann das funktionieren? Laut Darwins Evolutionstheorie überlebt nur der Fitteste im harten Überlebenskampf der "egoistischen" Organismen und Gene?

Martin Nowak: Die Kooperation wird von der natürlichen Selektion tatsächlich zunächst benachteiligt. Diese bevorzugt Defektoren, also Organismen, die für sich selbst den schnellen Vorteil suchen. Deshalb braucht es Mechanismen, die Kooperation fördern. In meinem Buch habe ich die fünf Mechanismen beschrieben, die man kennt: Der erste Mechanismus ist "Wie du mir, so ich dir". Man trifft etwa am Arbeitsplatz immer dieselben Menschen, und wenn ich heute zu einem nett bin, dann wird er mir morgen vielleicht einen Gefallen tun. Wenn ich aber heute ein egoistisches Spiel spiele, dann habe ich morgen bei ihm schlechtere Karten. Der zweite Mechanismus läuft über die Reputation: Wenn ich hilfsbereit bin, spricht sich das herum, und die anderen helfen mir auch. Das nennt man indirekte Reziprozität. Dritter Mechanismus: Man verhält sich nicht zu allen gleich, sondern pflegt Freundschaften - das führt auch zur Bevorzugung von Kooperation. Außerdem gibt es die sogenannte Gruppenselektion und den Nepotismus, die Bevorzugung von Verwandten.

Diese Mechanismen verschaffen dem "Miteinander" mit der Zeit einen Vorteil gegenüber einem "Jeder-gegen-jeden"?

Nowak: Es bleibt trotzdem beim "Jeder gegen jeden"! Auch in einer kompetitiven Situation kann es für die verschiedenen Teilnehmer das Beste sein, kooperativ zu agieren. Mithilfe dieser fünf Mechanismen gewinnt die Kooperation in dem Sinne, dass sie von der natürlichen Selektion bevorzugt wird.

Kann man da von selbstlosem Verhalten, also von Altruismus sprechen?

Nowak: In der Biologie wird der Begriff Altruismus häufig für solches Verhalten verwendet. Auch ich habe das getan, bis ich in einem gemeinsamen Projekt mit Philosophen und Theologen darüber gesprochen habe. Die sagen, dass die Motivation für den Altruismus entscheidend ist. Es müsse Liebe oder Nächstenliebe dahinterstecken. In der Biologie kann man sehr gut verstehen, wie die Selektion bestimmtes Verhalten fördert, aber die Motivation dahinter noch nicht erfassen. Man sieht zum Beispiel, dass ein Organismus einem anderen hilft, obwohl es ihn etwas kostet, aber keinen unmittelbaren Nutzen bringt. Ob diese Handlung altruistisch ist, kann man aber nicht so leicht sagen, denn sie könnte auf lange Zeit sehr gewinnbringend sein. Deshalb plädiere ich dafür, in der Biologie das Wort Altruismus nicht mehr zu verwenden, bis wir die Verhaltensmotivation erfassen können.

Ist sie ein zusätzliches Prinzip der Evolution?

Nowak: Ja, ich bemühe mich sehr, dies so darzustellen. Man kann sagen, dass in der Darwinschen Biologie die Eckpfeiler die Mutation und die Selektion sind, aber die wirkliche Kreativität in der Evolution kommt eben von diesem dritten Prinzip, der Kooperation.

Es gab aber bei Ihren Kollegen einen ziemlich lauten Aufschrei

Nowak: Aber nicht, ob die Kooperation als drittes Grundprinzip der Evolution durchgeht. Der Aufschrei betrifft nur die Theorie der Verwandtenselektion. Meine Arbeiten haben gezeigt dass die Theorie der Verwandtenselektion, wie sie in den vergangenen fünfzig Jahren entwickelt und in Büchern erklärt wurde, unhaltbar ist.

Ist das mittlerweile geklärt?

Nowak: Die Mathematik ist eindeutig, und dadurch ist die Sache für mich geklärt. Die Gegenseite hat dies aber noch nicht akzeptiert. Sie hat die mathematischen Argumente nie widerlegt, aber es oft versucht. Es gibt zahlreiche Arbeiten der Gegenseite, die versuchen, die Ergebnisse verwirrt darzustellen, damit sich niemand auskennt.

Wenn man so ins tägliche Leben blickt, existiert da nicht unendlich viel Kooperation? Gibt es dafür eine Obergrenze oder ein optimales Maß?

Nowak: Man darf nicht vergessen, dass Kooperation nicht immer gut ist. Sie kann auch zu sehr schlechten Dingen führen. Im Nazi-Regime haben Leute ja auch miteinander kooperiert, um Menschen umzubringen. Hier könnte man sagen, dass die Defektoren, also die Abtrünnigen, diejenigen waren, die etwas Gutes getan haben.

Diese waren es wohl auch, die eher altruistisch gehandelt haben...

Nowak: Ja, zu defektieren ist also nicht notwendigerweise böse, und Kooperation nicht immer nur gut.

Wie sieht es beim Krieg aus? Dort kooperieren ja die Individuen einer Gruppe besonders gut miteinander, nur um den Mitgliedern der anderen Gruppe möglichst die Schädel einzuschlagen.

Nowak: Genau. Hier spielt man kooperativ innerhalb der Gruppe, um dann möglichst effizient gegen die feindliche Gruppe vorzugehen. Ja, dies wäre auch ein moralisch sehr fragwürdiges Beispiel.

Sie bezeichnen die Menschen in Ihrem Buch als "Superkooperatoren". Was können sie besser als alle anderen, wie zum Beispiel Ameisen, Bienen und Affen?

Nowak: Vor allem, dass wir die indirekte Reziprozität meistern. Durch die menschliche Sprache können wir über andere reden und ununterbrochen Informationen über sie bekommen. Wir sind also die einzige Art, die indirekte Reziprozität in vollem Umfang nutzt. Die Hoffnung ist nun, dass dies mit dem World Wide Web noch effektiver wird und es zu einer globalen indirekten Reziprozität kommt.

Kooperation sollte den Menschen im Kampf gegen den Klimawandel und bei anderen Problemen helfen?

Nowak: Ja. Ob die Menschen genügend kooperieren können, ist heute zu einer Überlebensfrage geworden. Es geht hier ums Überleben des intelligenten Lebens auf der Erde! Die Lösung ist nicht Technologie, wie viele immer noch glauben, sondern dass man global zusammenarbeitet und lernt, mit künftigen Generationen bei Ressourcen wie einer das Überleben ermöglichenden Umwelt zu kooperieren. Das ist essenziell für die Menschheit, sonst zerstört sie ihren ganzen Lebensraum.

Sie haben kürzlich gezeigt, dass die Marktwirtschaft dies nicht erfüllen kann, weil sich die Ausnützer der Ressourcen hier zu stark durchsetzen. Sie erklärten, es bräuchte eine weltweite Demokratie, um dies zu erreichen.

Nowak: Genau. Wir veröffentlichten dies 2014 im Fachmagazin Nature. Für uns total überraschend zeigte sich, dass es eine große demokratische Mehrheit gibt, die Ressourcen schützen und nur maßvoll in Anspruch nehmen würde. Man müsste es durchsetzen, dass man globale Klimafragen mit globalen Wahlsystemen entscheiden könnte.

Wie und wann kam die Kooperation eigentlich auf die Welt?

Nowak: Ich glaube, dass sie schon vor dem eigentlichen Ursprung des Lebens stattgefunden hat, als Moleküle chemisch miteinander in Wechselwirkung traten, als ein Molekül dem anderen geholfen und dadurch verursacht hat, dass es häufiger wird und seine Konzentration steigt. Die Kooperation ist also älter als das Leben selbst. Sie zeigt sich nicht erst bei Lebewesen, sondern hat mit dazu geführt, dass Leben auf der Erde überhaupt erst entstehen konnte.

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