: EVOLUTIONSBIOLOGIE

Warum helfen wir einander - oder auch nicht?

Menschen, Tiere und sogar Bakterien sind in der Lage, altruistisch zu handeln, ohne daraus einen offensichtlichen Vorteil zu ziehen

Sophie Hanak | aus HEUREKA 6/17 vom 15.11.2017

"Biologisch definiert ist Altruismus jene Handlung, mit der man anderen hilft, die aber die individuelle, genetische Fitness reduziert. Altruismus bringt Kosten, aber keinen unmittelbaren Nutzen", erklärt der österreichische Verhaltensbiologe Michael Taborsky. Er forscht seit bald zwanzig Jahren an der Universität Bern. Hier leitet er das Institut für Ökologie und Evolution. Seine Abteilung arbeitet mit verschiedenen Modellorganismen, um Altruismus evolutionsbiologisch zu erklären.

Die Ambrosiakäfer brüten in Gruppen und helfen einander bei der Aufzucht der Jungen. Erklären lässt sich dies mit der Verwandtenselektion: die Helfenden tragen einen Nutzen davon, weil letztendlich auch ihre Gene in den Nachkommen der Geschwister weitergegeben werden. "Anders als etwa Ameisen verzichtet bei dieser Käferart kein Individuum auf die Fortpflanzung. Entscheidend hierfür ist ihre instabile Umwelt. Die Käfer leben in abgestorbenen Bäumen und züchten Pilze. Die Bäume werden nach ein paar Jahren von Mikroorganismen zerfressen. Dann müssen sich die Käfer einen neuen Baum suchen", sagt Taborsky.

Warum aber helfen Tiere einander, wenn sie nicht verwandt sind? Rund fünfundzwanzig Buntbarscharten des Tanganjika-Sees brüten kooperativ in Gruppen. In diesen Gruppen pflegen Fische nicht-verwandte Nachkommen und verzögern ihre eigene Fortpflanzung. Dies ist durch das Prinzip der Reziprozität erklärbar. "Die helfenden Fische haben einen Nutzen, weil sie in der Gruppe etwa vor Räubern beschützt werden. Durch die Helfenden gibt es mehr Nachkommen", erklärt Taborsky.

Ausschlaggebend ist die Umgebung. "Wir haben herausgefunden, dass die Fische bei niedrigem Raubdruck früher abwandern, um sich selbst fortzupflanzen. Umgekehrt, wenn es viele Räuber gibt, wird die Abwanderung verzögert. Auch bei Ratten stellte man fest, dass sie nicht nur hilfsbereit sind, weil ihnen vorher ein bestimmter Partner, sondern weil ihnen irgendjemand geholfen hat", sagt Taborsky. Prosoziales Verhalten wurde auch bei verschiedenen Affenarten gefunden.

"Aber nicht etwa bei unseren nächsten Verwanden, den Schimpansen, sondern bei den zu den Neuweltaffen zählenden Krallenäffchen", erzählt Lisa Horn vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien. Die Ursache für dieses Verhalten dürfte, wie auch bei Menschen, die kooperative Aufzucht der Jungen durch die Eltern, andere Verwandte und nicht-verwandte Individuen sein.

"Wir wollten diese Theorie auch bei der Familie der Rabenvögel testen, nämlich an Krähen, Raben und Blauelstern. Die Blauelstern sind kooperative Brüter, von denen man aus dem Freiland weiß, dass sie einander helfen, während bei den Raben und Krähen die Eltern ihre Jungen allein großziehen", erkärt Horn.

Bei Primaten war der Versuchsaufbau so angelegt, dass ein Affe einem Artgenossen dazu verhalf, Futter zu bekommen und dabei selbst leer ausging. "Bei den Vögeln wollten wir den Versuchsaufbau so ähnlich wie möglich anlegen", sagt Horn. Die Ergebnisse waren überraschend eindeutig: Blauelstern helfen ihren Artgenossen fast bis zu hundert Prozent. Raben und Krähen waren viel weniger großzügig. Dieses Ergebnis bekräftigt die Hypothese, dass die gemeinsame Jungenaufzucht prosoziales Verhalten bei Tierarten fördert.

Auch Untersuchungen an Menschen zeigen, dass sie umso hilfsbereiter werden, je öfter sie Hilfe erfahren haben. "Erfahrene Hilfe macht hilfsbereiter. Wenn man Menschen dazu motivieren möchte, einander zu helfen, dann muss man sie öfter in die Situation bringen, dass ihnen selbst geholfen wird", meint dazu Verhaltensbiologe Taborsky.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige