Wo ist nur die Hardware hin?

Vor allem 16- bis 24-Jährige nutzen die Cloud als Speicher. Wie lange diese hält, ist offenbar egal

Text: Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 7/17 vom 06.12.2017

In dem 2017 auf Deutsch erschienenen Roman "Die Melodie meines Lebens" von Antoine Laurain (Hollitzer Verlag) erhält ein vom Leben gebeutelter Arzt mit 33 Jahren Verspätung den auf der Post hängengebliebenen Plattenvertrag. Das ebenfalls in Übersetzung erschienene "Ende. Abermals." von Dino Bauk (Atlantik Verlag) handelt von der Liebe zwischen einer Mormonin und einem Rocker im Ljubljana der 1980er und 1990 Jahre. Gemeinsam ist beiden Romanen nicht nur ein Sog in die Vergangenheit: Beide Cover ziert eine Kassette, aus der kokett das Magnetband quillt.

Kein Medium verdrängt ein etabliertes Medium

Ob Buchcover, T-Shirt, Schüttelpennal oder Handyhülle: Die Audiokassette, die als Datenträger keine Rolle mehr spielt, ist als Kult(ur)- und Designobjekt wieder in Gebrauch. Darüber kann man sich wundern, muss man aber nicht. Denn dies entspricht der Logik der von dem deutschen Journalisten Wolfgang Riepl im Jahr 1913 aufgestellten These, wonach kein etabliertes Medium von einem neuen Medium verdrängt wird. Das alte Medium müsse lediglich einen neuen Aufgabenbereich finden.

Die 3,5-Zoll-HD-Disk hat immerhin Symbolstatus erreicht. Dies verdeutlicht ein seit einigen Jahren kursierendes Internet-Meme: Der Vater hält dem Sohn eine Diskette vor die Nase: "Hast du so was schon einmal gesehen?"- Antwort des Sohnes: "Cool, du hast einen 3D-Ausdruck vom Speicherlogo gemacht!"

Auch Abspielgeräte geraten aus dem Blickfeld -zumindest in der ursprünglichen Form. Um heute einen VHS-Rekorder aufzustöbern, muss man zwar noch nicht ins Technische Museum gehen, doch bei den Elektronikketten ist die Auswahl schmal. Auf Amazon ist ein VHS-Rekorder nicht unter 80 Euro zu haben. Denn heute hat jedes analoge Gerät auch die digitale Funktion dabei. Im Zuge dessen sind Hybridwesen wie der "USB-Plattenspieler" entstanden: Er kann von Platte, CD, Radio oder auch Kassette auf mp3 übersetzen.

Die Produktion von VHS-Kassetten wurde 2015 eingestellt, knapp vor ihrem 40-jährigen Geburtstag. Auf digitalem Weg sind sie nach wie vor erhältlich: Amazon hat leere VHS-Kassetten im Angebot, zum zehnfachen Preis als zur Jahrtausendwende. Die CD hingegen wurde heuer "erst" 35 Jahre alt. Ob es noch dauern wird, bis sie zum Kultobjekt mutiert? Oder wird sie so sang- und klanglos verschwinden wie einst die Mini-Disc? Letztere wird selbst als Kultobjekt garantiert nicht wiederkehren. Denn Riepls Gesetz trifft nur auf etablierte Medien zu, und so weit hat es die Mini-Disc nie gebracht. Haben alle (analogen) Speichermedien "ihre" Zeit, um danach einfach zu verschwinden oder in neuer Form zurückzukehren?

Was bedeutet das kulturell? Der Historiker Stefan Zahlmann, ein begeisterter Analogfotograf, hält es für müßig, das Thema auf einer Entweder-Oder-Basis abzuhandeln. Nur zu oft fiele die Publizistik in die analoge Verteidigungshaltung: "Man versucht hier immer noch auf einer qualitativen Ebene zu vergleichen! Dabei vergisst man auf die kulturellen Praktiken, die sich eröffnen."

Und wie sehen diese aus? Wir befänden uns, so Zahlmann, in einer "neuen Steinzeit", in der sich das Analoge und das Digitale gegenseitig befruchten: "Ich fotografiere ausschließlich analog, aber ich digitalisiere jedes Negativ und stelle meine Bilder auf digitale Plattformen." Die Digitalisierung möchte Zahlmann nicht als Substitution verstanden wissen; die Negative bewahrt er auf. Einen Widerspruch sieht er darin nicht: "Ich gehe ins Internet -und dort ins Analogforum."

Die analoge Fotografie sei nur ein Beispiel dafür, dass man das Analoge und das Digitale als jeweilige Ergänzung des anderen betrachten müsse. "Digitalisierung ist nicht nur das Internet, es ist alles Mögliche dazwischen", sagt Stefan Zahlmann. So helfe das Digitale dem Analogen beim Überleben: "Die analoge Fotografie zieht nach, Kodak stellt wieder mehr Filme her." Zahlmann erklärt am Beispiel Berlin: "Fast jede Woche entsteht ein neues Start-up. Sie kaufen von den alten Herstellern, die sich die Produktion nicht mehr leisten können oder wollen, Maschinen auf und halten so analoge Techniken am Leben."

In der Brandenburger Kleinstadt Bad Saarow östlich von Berlin führt die Firma Fotoimpex das laut Eigenbezeichnung europaweit größte Sortiment an Filmen, Fotopapieren, -chemikalien und Zubehör. Was nicht aufgetrieben werden kann, stellt das Unternehmen selbst her. Im firmeneigenen Forum "für Themen rund um analoge fotografische Geräte und Materialien, Prozesse und verarbeitungsspezifische Fragen" sind aktuell 2.680 Themen mit insgesamt rund 15.500 Beiträgen anhängig.

Schallplatten aus Vinyl verzeichnen Absatzsteigerungen

Nicht nur der analoge Film, auch analoge Tonträger erleben eine Renaissance: In Großbritannien lagen 2016 die Verkaufszahlen für Platten mit 3,3 Millionen Stück auf dem höchsten Wert seit 25 Jahren. In anderen Ländern sieht die Entwicklung ähnlich aus. Die Vinylplatte ist derzeit der einzige Tonträger mit einer jährlichen Absatzsteigerung im zweistelligen Bereich. Der Plattenspieler passt aber nicht in die Hosentasche, und Analogfilme sind kurz: Die Verwendung analoger Techniken ist mühevoll. Auch beim Thema Lernen hat das Analoge die Nase vorn. Der Psychiater und Philosoph Manfred Spitzer berichtet in seinem Buch "Digitale Demenz", dass papierene Information beim Lernen weniger müde mache als etwa E-Books. Das bestätigt Stefan Zahlmann, der an der Universität Wien eine Einführungsvorlesung zur Geschichte und Theorie von Medienkulturen hält. "Obwohl die Vorlesung gestreamt wird, schreibt die Mehrzahl der Studierenden mit", sagt er, der selbst nur noch digital publiziert.

Brauchen wir in Zukunft noch Bücherschränke, CD-Fächer und physische Archive? Der Trend geht in Richtung digitale Aufbewahrung in der Cloud. Die Speicherung erfolgt oft über mehrere Standorte, die weltweit verteilt sind. "Entsprechend gelten in diesen Ländern andere Gesetze, die oft nicht mit der hiesigen Datenschutzordnung vereinbar sind", sagt Nicolas Stolz, Systemadministrator am Institut für Informatik der Universität Innsbruck.

Und alle und alles sind in der Cloud

Bei der Cloudverwaltung gebe es zwei Aspekte von Sicherheit zu betrachten: hinsichtlich des Schutzes vor unberechtigtem Zugriff sowie im Sinne der Verfügbarkeit der Daten, was etwa Ausfälle betrifft. Neben einer stabilen Internetverbindung als Voraussetzung gebe es aber ein ganz anderes Risiko: Geht der Cloud-Anbieter pleite, sind die dort gespeicherten Daten weg. "Prinzipiell ist das Risiko, dass unbefugte Dritte auf meine in der Cloud gespeicherten Daten zugreifen, höher als bei lokal gespeicherten und entsprechend gesicherten Daten", erklärt Stolz und erwähnt einen krassen Fall von Datenverlust: Einer Professorin der Bostoner Kunst Universität wurden 2013 rund 200 Filme und 3.000 Bilder gestohlen, die auf Dropbox gespeichert waren.

Privaten Anwendern rät der IT-Experte zum Verteilen wichtiger Daten auf mehrere Speichermedien und zur Ablage an verschiedenen Orten (bei den Eltern, am Arbeitsplatz). Auch das Ausdrucken auf säurefreiem Papier und die Lagerung im Tresor sei bei kleinen Datenmengen eine Option.

Jenes digitale Speichermedium, das der Haltbarkeit der langlebigsten analogen Speichermedien - bei Keramik- und Steintafeln sind es mehrere tausend Jahre - am nächsten kommt, ist die GlassMasterDisk, eine DVD aus Spezialglas, in welche der Hersteller die Daten selbst eingraviert. Sie ist mehr als tausend Jahre haltbar, kostet aber 160 Euro. Da kommt die Cloud allemal billiger. Deren häufigster User ist laut Eurostat 16 bis 24 Jahre alt.

Was hinterlassen wir unseren Urenkeln, wenn es keine Schuhschachteln mit Fotos oder Dachböden voll Zeitungen und Tagebüchern mehr zu entrümpeln gibt? Stefan Zahlmanns Zugang ist pragmatisch: "Aus unserer Sicht ist das ein Verlust. Aber wenn es nichts bedeutet, ist es kein Verlust. Und den Nachkommenden bedeutet es offenbar nichts. Jede Generation baut sich ihre kulturellen Gedächtnisse selbst."

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