Am Zentralfriedhof der digitalen Welt

Die Digitalisierung macht vor Toten nicht halt. Wird Facebook der größte Friedhof der Welt?

Text: Werner Sturmberger | aus HEUREKA 7/17 vom 06.12.2017

In Wien gibt es mehr Tote als Lebende. Allein auf dem Wiener Zentralfriedhof wurden seit dessen Eröffnung 1874 mehr als drei Millionen Menschen beigesetzt. Ein ähnliches Schicksal scheint Facebook zu blühen. Aktuell hat das soziale Netzwerk rund zwei Milliarden Benutzer. Diese altern: So verstarb 2016 knapp eine Million Facebook-User in den USA. Laut Berechnungen von Hachem Sadikki, Statistikdoktorand an der University of Massachusetts, wird es 2098 mehr tote als lebende Menschen auf Facebook geben.

"Man darf davon ausgehen, dass das soziale Netzwerk wenig Interesse hat, als größtes virtuelles Massengrab im Netz in die Geschichte einzugehen", schreibt das IT-Magazin CHIP.

Wie das eigene digitale Erbe anderen hinterlassen?

Aus rechtlicher Sicht macht es keinen Unterschied, ob eine Hinterlassenschaft real oder virtuell ist. Auch der digitale Nachlass ist Teil der Erbschaft. Dass Verstorbene in ihrem Testament Onlinezugangsdaten hinterlassen und regeln, wer nach ihrem Tod auf was zugreifen darf, ist eher die Ausnahme. Die Übertragung von Konten ist vor allem beim Fehlen testamentarischer Verfügungen schwierig. Europaweit geltende Standards für die Regelung solcher Situationen fehlen weitgehend.

Facebook bietet seinen Usern an, zu Lebzeiten schon zu regeln, was mit dem Profil passieren soll: Gedenkzustand (alle Daten bleiben erhalten) oder löschen. Des Weiteren ist es möglich, einen Nachlassverwalter aus dem Facebook-Freundeskreis zu benennen. Diese Person kann das Profil verwalten, aber keine persönlichen Nachrichten einsehen. Unterbleiben diese Maßnahmen, wird das Profil in den Gedenkzustand versetzt, sobald die Person als verstorben gemeldet wird. Eine Löschung kann hingegen nur von Angehörigen beantragt werden.

"Eine zentrale Frage lautet: Wer ist der Haupttrauernde? Wem fällt das Recht zu, das Profil zu verwalten? Oft ist das eine Machtfrage. Manchmal erhält der Haupttrauernde auch keinen Zugriff auf das betreffende Profil", sagt Tony Walter, Professor für Death Studies an der University of Bath.

Mit der steigenden Anzahl von Gedenkprofilen und semiöffentlich Trauernden in den sozialen Medien stellen sich natürlich auch Fragen nach den angemessenen Formen, um diese zum Ausdruck zu bringen: Kann ich auf die Bekanntgabe des Verlustes einer nahen Person mit einem Klick auf "Gefällt mir" reagieren, oder verwendet man besser das Smiley mit der Träne? Ist Facebook als Arena der Selbstdarstellung überhaupt der richtige Ort für Trauer und Erinnerung?

"Die Menschen fällt es in solchen Situationen schwer, sich auf Facebook richtig auszudrücken", erklärt Tony Walter.

" Das Onlinetrauern ist noch im Entstehen begriffen. So sind es Kinder, Teenager und junge Erwachsene, die mit ihren Gewohnheiten implizit Kondolenzregeln schreiben und damit eine neue Kultur des Trauerns begründen." Diese würde sich laut dem Death-Studies-Spezialisten von der privaten Trauer des 20. Jahrhunderts unterscheiden. Die Entwicklungen damals hätten zu einer stärker fragmentierten Gesellschaft geführt. Wer im 20. Jahrhundert trauerte, verbrachte sehr viel Zeit mit Menschen, die den verstorbenen nicht kannten. In der vorindustriellen Zeit war Trauer eine geteilte Erfahrung: Der Tote war ja bekannt.

Die Veränderungen im 20. Jahrhundert haben dazu geführt, dass Menschen weniger Erfahrung mit dem Tod und seiner Bewältigung sammeln konnten. "Vor der Industrialisierung war der Tod von Angehörigen ein normaler Bestandteil des Aufwachsens", sagt Walter. "Im 20. Jahrhundert war es möglich, die Kindheit hinter sich zu lassen, ohne mit diesem schwierigen Teil unseres Menschseins konfrontiert zu werden. Im Zeitalter der sozialen Medien ist das nun wieder schwieriger geworden." Eine Reaktion auf diese fehlende Erfahrung sei die Professionalisierung der Trauerarbeit im 20. Jahrhundert gewesen.

Du bist tot - und deine Kumpel auf Facebook: cool, oida!

"Die sozialen Medien, allen voran Facebook, bringen unterschiedliche Bereiche unseres Lebens wieder näher zusammen", meint Walter. "Die Art und Weise, wie in den sozialen Medien um Angehörige getrauert wird, erinnert nicht so sehr an das vergangene Jahrhundert, sondern an die vorindustrielle Zeit." Trauern werde wieder öffentlicher und Trauernde dadurch auch angreifbarer. Typisch sind etwa Konflikte zwischen religiösen und säkularen Menschen. Gerade auf sprachlicher Ebene gibt es zwischen jüngeren und älteren Menschen Unterschiede: Beim Tod junger Menschen sind deren Eltern manchmal verstört über den sehr jovialen Ton, der in den sozialen Medien auch bei Trauerbekundungen herrscht.

"Soziale Medien eröffnen den Toten selbst die Möglichkeit, ins Netzwerk ihrer Freunde eingebunden, präsent zu sein", sagt der Soziologe Walter. Viele Trauernde besuchen die Facebook-Gedenkseiten und sprechen in ihren Postings direkt mit den Toten. Walter hebt in diesem Kontext hervor, dass viele Menschen in ihren Nachrichten auf den "Himmel" zu sprechen kommen: "Der Cyberspace ersetzt oder erweitert den Himmel als unbegreifliche Heimat des Verstorbenen."

Die virtuelle Greifbarkeit einer verstorbenen Person könnte aber auch dazu führen, dass es Trauernden schwieriger fällt, sie gehen zu lassen. Die Gedenkprofile können nicht nur Trost spenden, sondern auch Kummer bereiten, wenn plötzlich immer weniger Menschen mit dieser Seite agieren und für die Hinterbliebenen der Eindruck entsteht, ihre geliebte Person sei vergessen worden.

Walters Fazit über Trauer im virtuellen Raum fällt positiv aus: Das Trauern in sozialen Netzwerken würde die Menschen verbinden. Zu einem ähnlichen Befund kommt auch Katrin Döveling vom Institut für Medien-und Kommunikationswissenschaft an der Universität Klagenfurt: "Untersuchungen zeigen, dass soziale Unterstützung als emotionale Ressource zu verstehen ist. Fehlt diese in der realen Welt, oder wird diese als mangelhaft empfunden, wenden sich Menschen spezifischen Trauerportalen zu."

Trauern auf Facebook, dem Zentralfriedhof der Welt

Bei den Wellen globaler Anteilnahme in den sozialen Medien im Gefolge von Naturkatastrophen oder Anschlägen stünden allerdings andere Mechanismen stärker im Vordergrund, meint Döveling: "Teilweise handelt sich dabei um eine schneller geklickte Form der Anteilnahme als etwa auf Trauerportalen: Ein Profilbild ist schnell geändert, um Solidarität zu demonstrieren. Ich war letztes Jahr während des Anschlags in Berlin und habe dort erlebt, dass auch diese Form der Unterstützung sehr hilfreich sein kann." Hinter diesen Solidaritätsbekundungen steckt das Bedürfnis Betroffener, sich mitzuteilen, um so ein Gefühl eines Miteinander-Verbunden-Seins in Zeiten der Unsicherheit zu erleben.

Eine völlige Virtualisierung von Gedenken und Trauer hält Döveling allerdings für unwahrscheinlich: "Die Angebote im Internet können ein gutes Auffangbecken sein, weil sie zeit-und ortsunabhängig sind. Friedhöfe aber bieten Greifbarkeit und erfüllen damit eine ganz wichtige Funktion: Sie verschaffen Klarheit. Für Trauernde ist es oft eine immense Belastung, wenn es diese nicht gibt." Eine weitere Verschmelzung zwischen Onund Offline-Gedenken sei vorstellbar, etwa mittels QR-Codes auf Grabsteinen, die zum Profil der Verstorbenen verlinken.

Ein Abebben von Formen digitaler Anteilnahme und Trauer scheint dagegen unrealistisch. Katrin Döveling spricht von neuen, internetbasierten Trauerritualen wie der Änderung von Profilbildern oder dem Anzünden virtueller Kerzen.

Death-Studies-Experte Tony Walter argumentiert dagegen für ein Primat der Technik: "In modernen, an Ritualen armen, aber an Information und Kommunikationstechnologien reichen Gesellschaften sind es vielleicht nicht so sehr Rituale, sondern medienunterstützte Formen kollektiver Erinnerung, mittels derer der Vorfahren gedacht wird, soziale Gruppen begründet werden und eine individuelle Teilhabe an diesen Gruppen erfahren wird." Sollte er Recht behalten, wird Facebook zum Zentralfriedhof der Welt werden.

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