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Digitaler Rest

Florian Freistetter | aus HEUREKA 7/17 vom 06.12.2017

Vor Kurzem habe ich mein Büro ausgemistet und dabei auch einige alte USB-Sticks gefunden. Was ich darauf vor ungefähr zehn Jahren gespeichert habe, weiß ich nicht mehr, da sie fast alle nicht mehr funktionstüchtig waren. Der Verlust dieser Daten war nicht tragisch - hätte es aber sein können.

So wie mir geht es vielen Wissenschaftern. Unsere Daten liegen auf Computern herum, oder sie sind auf veralteten Medien gespeichert. Sobald die Ergebnisse publiziert worden sind, landet der Rest der Rohdaten meist in einer (digitalen) Schublade und wird vergessen. Dabei können auch solche Daten wertvoll sein. Der wahre Wert von Messungen und Beobachtungen zeigt sich oft erst später, und dann muss man die Originaldaten erneut prüfen. Manchmal haben spätere Forschergenerationen neue Ideen, um aus Daten Erkenntnisse zu erhalten, die den Wissenschaftern damals nicht zugänglich waren. Und schließlich gibt es auch noch die Wissenschaftshistoriker, die ebenfalls auf möglichst viele Originalquellen zugreifen wollen.

Daten bleiben wichtig, auch wenn sie alt sind. Um ihren Wert zu erhalten, müssen sie aber nutzbar bleiben. Die umfassende Digitalisierung macht das schwieriger. Es müssen nicht nur die Daten archiviert werden, sondern auch die Lesegeräte. Die kurze Lebensdauer der digitalen Speichermedien erfordert ständige Datenpflege, um den Zugriff zu ermöglichen.

Brauchbare Archive entstehen nicht von selbst. Sie müssen finanziert werden und brauchen Personal. Ich selbst habe einige Zeit für das "Virtuelle Observatorium" gearbeitet, astronomische Daten archiviert und aus erster Hand erfahren, wie schwierig es ist, die nötige Finanzierung für solche Projekte zu bekommen. Archive sind nicht "sexy". Sie erzeugen keine öffentliche Aufmerksamkeit, die man nutzen kann. Aber Archive sind wichtig. Je mehr digitale Daten wir erzeugen, desto wichtiger werden sie. Wir können es uns nicht leisten, sie zu ignorieren.

In meinen Kisten waren übrigens auch noch einige alte Bücher. Das älteste davon aus dem Jahr 1886. Ein wenig verstaubt zwar, aber noch problemlos lesbar. Die Bücher werden uns bleiben. Damit auch der digitale Rest unserer Zivilisation überlebt, müssen wir uns aber noch ein wenig anstrengen.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs. de/astrodicticuM-siMple

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