: WAS AM ENDE BLEIBT

Wie erbt man?

Erich Klein | aus HEUREKA 7/17 vom 06.12.2017

Was am Ende bleibt, ist auch eine Frage der Macht. Umso mehr, wenn es um brisante Themen wie Identität, Geschichte oder wie in diesem Fall um den Umgang mit dem "Erbe" des Nationalsozialismus geht. Hätte man gekonnt, wäre es lieber nicht angenommen worden. Schon Generationen vor uns hatten nach Ausflüchten gesucht. Dennoch reisten drei Historiker zur Zeit, als die Sowjetunion unterging und von fantastischen, jetzt endlich einsehbaren Archivbeständen die Rede war, in eine Stadt hinter dem Ural. Welche neuen Einsichten würden möglich?

Das Vorgefundene übertraf alle Erwartungen. Schlüsse, die daraus gezogen wurden, verblüffen, um nicht zu sagen irritieren bis heute. Ein besonders ernsthafter unter den drei Historikern verzweifelte ob der widersprüchlichen, in kein System passenden Erkenntnisse aus den neuen Aktenfunden. Jahre später erklärte er öffentlich, er sehe sich trotz lebenslanger, vorbereitender Arbeit und aufgrund persönlicher Voreingenommenheit nicht in der Lage, etwas Neues über die Schlacht von Stalingrad zu schreiben. Er befinde sich, wie er erkenne müsse, noch immer in einer Phase der Vorbereitung.

Der zweite Historiker, damals schon dem verdienten Ruhestand nahe, machte sich zügig an die Aufnahme jener Bestände, die ihm am wichtigsten erschienen. Schließlich waren noch zahlreiche Fragen, den Holocaust und die Ermordung der europäischen Juden betreffend, zu klären. Der Forschungsgegenstand bedurfte keiner weiteren Begründung.

Allein, eine möglicherweise böse Legende verbreitete sich unter den Wissenschaftern in Bezug auf die Tätigkeit des dritten Historikers. Er befasste sich, sei es aus persönlichem Interesse oder forschungspolitischen Gründen mit den Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs. Sein Kalkül soll gelautet haben: Jeder einzelne dieser Gruppe hatte einst mindestens drei oder vier Angehörige. Bedenkt man die folgende und die übernächste Generation, kommt man auf eine mehr als beachtliche Zahl von Interessierten, also quasi direkt Betroffenen der historischen Forschung. So machte sich ein Team mittels modernster Medien rasch an die Erfassung jener Akten und "Fälle", die bislang auf endlosen Regalkilometern vergilbt waren. Es wurden Institute gegründet, die Politik entlohnte die Forscher mit einem neuen Museum, Medien berichteten.

Die zentrale Frage aber, welchem der drei historischen Zugänge wir uns verpflichtet fühlen sollen, blieb unbeantwortet.

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