: HORT DER WISSENSCHAFT

Digitale Dodeln

Martin Haidinger | aus HEUREKA 7/17 vom 06.12.2017

"Die Töchter hätten ihn gern gekannt: so ein richtiger altmodischer Pfarrer im schwarzen Gehrock mit Kragenröhre! Die von ihm hinterlassenen Dinge laufen in unserem Haushalt mit, ohne sich mit den unsrigen zu vermischen: Tintenfaß, Löscher, Federkästchen aus Libanonzeder, silberne Briefwaage, lange Pfeifen mit Porzellankopf, Großvaters Bilderbibel, Schreibtisch mit Schrankaufsatz, ehemals mit Theologie vollgestopft, jetzt von Thomas zur Ablage von Marx, Engels, Lenin benutzt, aber in den Schubladen hält sich ein Rest Pfeifenrauch. In drei Holzkästen sind Briefe, Fotos, gebündelte Predigten verwahrt "

So beschreibt die Schriftstellerin Ruth Rehmann 1981, was von ihrem 1940 verstorbenen Vater, einem rheinischen evangelischen Pastor, an Relikten noch erhalten war, und wie es diesen stummen Überbleibseln einer menschlichen Existenz im 68er-Haushalt erging.

Was aber wird von uns heutigen, dem Digitalen ausgelieferten Menschen übrig bleiben? Eine leere Packung Zigaretten, eine kaputte Festplatte mit unlesbaren Dokumenten, ein paar gelöschte Mails auf fremden Rechnern und ein Facebook-Profil mit dem letalen Vermerk "Status geändert"?

Der Schriftsteller Egon Friedell sah bereits im Jahr 1912 das zu Papier gebrachte Wort auf dem Rückzug. Obsiegen würden das Telefon, das Grammofon und der Kinematograf: "Höchstwahrscheinlich steht uns auch die Erfindung des Fernsehers bevor! Nimmt man nun alle diese Dinge ein wenig im Geiste vorweg, so darf man sagen: es ist gar nicht ausgeschlossen, daß es in hundert Jahren eine Art der publizistischen Wirksamkeit geben wird, die der Schriftstellerei an Eindringlichkeit, Vielseitigkeit und Beweglichkeit ebenso überlegen ist wie das Buch und die Tageszeitung dem Kanzelredner und Wanderprediger."

Wie bitte? Prophezeit der Kulturphilosoph Friedell hier etwa die Social media?

"Es ist außerdem auch gar nicht ausgemacht, dass zum Dichten notwendig 'Werke' gehören. Ja, es ist noch sehr die Frage, ob jene Genialität nicht höher steht, die sich in den täglichen improvisierten Lebensäußerungen eines Menschen offenbart. Vielleicht wäre der größte Künstler derjenige, der sagen könnte: ,Das einzige Kunstwerk, das ich geschaffen habe ist meine Biographie'. An solche Dichter hat wahrscheinlich Schopenhauer gedacht, als er vom 'Heiligen' sprach, und Nietzsche, als er das Ideal des Übermenschen aufstellte."

Ach Friedell, du konntest noch nicht ahnen, dass von uns heutigen Internet-Dodeln in Wahrheit wohl nichts anderes als nur digitales Rauschen übrigbleiben wird. Von wegen Übermensch.

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