: BRIEF AUS BRÜSSEL

#R.I.P. Twitter

Emily Walton | aus HEUREKA 7/17 vom 06.12.2017

Was bleibt von uns im digitalen Zeitalter? Von vielen werden es veraltete Profile auf verwaisten sozialen Netzwerken sein. Tote Benutzerkonten, von denen niemand mehr das Passwort weiß, gepaart mit Millionen Urlaubsfotos, die wenig herzeigenswert sind. Von anderen wiederum werden Aussagen bleiben, die man retrospektiv wohl am besten für sich behalten hätte, die dank Internet nun aber für viele Jahre erhalten bleiben.

In letztere Kategorie hat sich unlängst EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker eingeordnet. Genauer gesagt: Sein Social-Media-Team hat ihn und sich mit Worthülsen-Werbesprech der feinsten Sorte auf Twitter verewigt. Auf einem Kanal, den man als Brüsseler Politiker wohl eher für die Verbreitung von etwas Lockerheit und Bürgernähe nutzen sollte, war sperriges Eurokratisch zu lesen. Übersetzt stand da (im Original auf Englisch):"Die #SäulenDer-SozialenRechte sind mehr als nur eine Absichtserklärung. Ihre Prinzipien werden in den länderspezifischen Empfehlungen des #EuropäischenSemesters verankert werden."

Das sind dann wohl jene Momente, in denen man als Satiriker nicht weiß, ob man gerade Material gefunden hat oder doch schon überflüssig geworden ist. Weil Juncker nicht der Einzige ist, bei dem Twitter, Facebook &Co. oft derart befüllt werden, gibt es längst, etwa auf Twitter, Profile, welche die EU-Spitzen parodieren. Und dabei teils beängstigend nahe an die Originale herankommen: So wie etwa der Account von Albert Kunardocz, dem "EU-Kommissar für Inlandwasserwege und Catering". Der fiktive Kommissar macht absichtlich, was in den Institutionen oft unabsichtlich passiert: technokratische, inhaltsleere, gekünstelt jung und frisch wirkende Botschaften absetzen.

Dass Albert Kunardocz auch zu Junckers jüngstem Eurosprech auf Twitter etwas zu sagen hatte, versteht sich von selbst: "#MitJuncker in dieser Frage. #InlandWasserwege und ein smarter innovativer #CateringSektor werden ihre Rolle spielen beim Aufbau des #SozialenEuropa. Mixtur von sozial & kommerziell ist der Schlüssel zu nachhaltigem, verantwortungsvollen Wachstum."

Es sind Kommentare, über die in der Zukunft so mancher die Stirn runzeln wird. Stellt sich die Frage, ob da nicht ein paar verjährte Bikinifotos oder ein Benutzername à la Hoppelhäschen1999 nicht sogar das geringere Übel darstellen.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige