Atomblumen und Strahlenkatzen

Nuklearer Abfall ist das langlebigste Vermächtnis unserer Kultur an zukünftige Generationen

Text: Werner Sturmberger | aus HEUREKA 7/17 vom 06.12.2017

Würde man alle abgebrannten Brennstäbe der Welt aneinander schlichten, würde man einen Würfel mit einer Kantenlänge von rund fünfzig Metern erhalten", sagt Nikolaus Müllner vom Institut für Sicherheits- und Risikowissenschaften der BOKU Wien. Sie sind der Treibstoff der weltweit 449 Kernreaktoren, die sich im Jahr 2017 in Betrieb befinden. Damit produzieren sie ungefähr 2.500 Terawattstunden Strom pro Jahr, also elf Prozent des globalen Strombedarfs, und etwa 14.000 Tonnen Atommüll.

Wohin mit all dem radioaktiven Abfall?

"Der Kern eines 1-Gigawatt-Druckwasserreaktors wiegt etwa achtzig Tonnen", führt Müllner weiter aus. "Rund ein Drittel des Kerns muss jährlich getauscht werden." Die hochradioaktiven Brennstäbe kommen dann in ein Abklingbecken, das sich meist innerhalb des Sicherheitsbehälters der Reaktoranlage befindet. Beim Nachzerfall produzieren die abgebrannten Brennelemente noch erhebliche Wärmemengen, sodass sie gekühlt werden müssen. Nach zwei bis fünf Jahren haben Radioaktivität und Wärmeentwicklung soweit abgenommen, dass sie in einen Trockenlagerbehälter, etwa einen CASTOR, umgelagert werden können. Dabei handelt es sich um einen mehr als hundert Tonnen schweren Stahlbehälter, in dem die Brennstäbe für rund dreißig Jahre weiter abkühlen.

Diese hoch radioaktiven Abfälle stellen anteilsmäßig die geringste Menge des anfallenden Atommülls dar, sind aber für beinahe die gesamte vom Menschen erzeugte Radioaktivität verantwortlich und machen eine Langzeitlagerung erforderlich. Gering verstrahlter Müll (Arbeitskleidung, Putzlappen, Kühlwasser) macht den Großteil des radioaktiven Abfalls aus, ist aber verhältnismäßig unproblematisch. Abfälle von mittlerer Belastung können aus wissenschaftlichen, medizinischen und technischen Anwendungen stammen, umfassen aber auch Bauteile aus Reaktoren und Wiederaufbereitungsanlagen. Typischerweise müssen sie mehrere Jahrhunderte gelagert werden.

Die Zwischenlagerung in Abklingbecken und CASTOR ist ein notwendiger Schritt, doch als Dauerlösung ungeeignet. Die sichere Betriebsdauer der CASTOR-Behälter wird auf rund vierzig Jahre geschätzt. Zudem bietet eine oberirdische Lagerung deutlich weniger Schutz vor Naturkatastrophen, Unfällen oder Anschlägen als unterirdische Deponien.

"Das Problem der Lagerung sind die ungeheuer langen Zeiträume, die mit den Dimensionen der Menschheitsgeschichte eigentlich nicht fassbar sind. Für die Geologie hingegen sind es verhältnismäßig alltägliche Zeitspannen", sagt Müllner. Man versucht daher Gesteinsschichten zu finden, die seit Millionen von Jahren stabil sind, und von denen man annehmen kann, dass sie das auch bleiben werden. Als besonders geeignet gelten Salz, Ton und Granit. In mehreren, hunderte Meter unter der Erde liegenden Stollen soll das radioaktive Material vor Umwelteinflüssen sicher gelagert werden. Doch gibt es bis dato kein Endlager für den Abfall ziviler Nutzung der Kernenergie. Das WIPP (Waste Isolation Pilot Plant) in Carlsbad, New Mexico, ist den Abfällen des US-Nuklearwaffenprogramms vorbehalten. In Finnland hat man mit dem Bau eines Endlagers begonnen, in Schweden soll der Baubeginn in zwei Jahren erfolgen. Frankreich hat eine Region im Auge. In Deutschland sucht man noch immer.

Warum nicht einfach vergraben und vergessen?

Wenn die Einlagerungsphase in Olkiluoto (Finnland) und Oskarshamm (Schweden) endet, sollen die Granitstollen der 400 bzw. 450 Meter tief gelegenen Tunnelsysteme zugeschüttet und verschlossen werden. Man will die Lager nicht markieren, sondern vergessen. Beim WIPP hingegen geht man einen anderen Weg. Die Befüllung soll 2033 abgeschlossen sein. Im Anschluss daran startet eine hundertjährige Abklingphase. Dann soll die Deponie verschlossen und über ihr eine Art Mahnmal errichtet werden.

Es basiert auf Plänen des Semiotikers Thomas Sebeok, der in den 1980er Jahren den Auftrag erhielt, als Leiter der "Human Interference Task Force" eine geeignete Kennzeichnung für Endlager zu entwickeln. Sein Konzept sieht eine Reihe von riesigen Monolithen vor, die das Lager markieren und mit Texten in unterschiedlichen Sprachen und auch mit Piktogrammen versehen sind.

Diese Form der Kennzeichnung war aber bereits damals umstritten. Christian Trautsch von der Arbeitsstelle für Semiotik der TU Berlin gibt zu bedenken: "Linguisten gehen davon aus, dass nach spätestens zehntausend Jahren alle heute gesprochenen Sprachen keine erkennbare Verwandtschaft mehr zu ihren Ausgangssprachen aufweisen werden. Zudem werden Warnsignale nicht in allen Kulturen gleich interpretiert."

Aktuell herrscht auch keine Einigkeit darüber, ob man Menschen überhaupt warnen soll: Monumentale Bauten wie jene des WIPP könnten erst recht Neugierige anziehen und sie so in Gefahr bringen. Also doch lieber dem finnischen und schwedischen Beispiel folgen? "Der Atomsemiotik liegt eine Atomethik zugrunde, die auf einem Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl für unsere Nachwelt fußt", so Trautsch. Das würde eben auch bedeuten, zukünftige Generationen über die Gefahren aufzuklären. Da Sebeok selbst nicht vollends von der Wirkmächtigkeit von Schildern überzeugt war, regte er die Gründung einer Art Atompriesterschaft an. Sie sollte mittels Mythen dieses Wissen um die Gefahren der Lagerstätten in der Bevölkerung verankern. In Europa schlugen die Linguisten Françoise Bastide und Paolo Fabbri die Züchtung von Tieren, etwa Strahlenkatzen vor, deren Fell sich bei hohen Strahlungswerten verfärbt. Dass sich auch noch einer der wichtigsten Science-Fiction-Autoren in die Thematik einbrachte, ließ die Debatte auch nicht gerade seriöser erscheinen: Stanislaw Lem schlug die Züchtung von Atomblumen vor, die nur am Ort der Lagerstätten wachsen sollten. Zusätzlich sollten die Pflanzen als organisches Trägermaterial für codierte Informationen über die Lagerstätten dienen.

Trautsch favorisiert dagegen eine Idee seines Kollegen Roland Posner: "Es braucht eine soziale Institution, die atomare Endlager solange betreut, solange diese eine Gefahr für Mensch und Umwelt darstellen. Diese sollte mit der Wartung der Endlager betraut sein, aber auch für eine kontinuierliche Adaptierung von Warnungen und Informationen an sprachliche Entwicklungen Sorge tragen." Einen demokratischen legitimierten Zukunftsrat, als dritte Kammer neben Bundestag und Bundesrat, wie Posner ihn bereits in den 1980er Jahren vorschlug, hält er für realistischer als Sebeoks Atompriesterschaft.

Gerade in Deutschland, wo die Skepsis gegenüber Atomenergie und Lagerstätten besonders groß ist, könnte dies ein Mittel sein, um das Vertrauen der Bevölkerung zurückzugewinnen. Tatsächlich hat sich die Bundesregierung ein Durchgriffsrecht gesichert, um ohne das Einverständnis einer betreffenden Kommune ein Endlager errichten zu können. Von einer Demokratisierung der Atomkraft und ihren Folgen ist man in Deutschland weit entfernt: Die Gewinne aus der Atomkraft werden privatisiert, ihre Folgen sollen autoritär abgewickelt werden. Demokratisch sind nur ihre Folgekosten, aus Steuergeldern beglichen.

Ist Österreich immer noch die Insel der Atomfreien?

"Auch in Österreich gibt es radioaktive Abfälle aus dem Versuchsreaktor Seibersdorf, der bis ins Jahr 1999 betrieben wurde. Das war natürlich ein kleiner Reaktor, aber auch er produzierte Atommüll. Laut EU-Richtlinie muss für dessen Abfälle ein Endlager errichtet werden", ruft Müllner in Erinnerung. Eine mögliche Lösung verspricht das Konzept der Tiefbohrlagerung. Dieses eignet sich aber nur für Länder mit geringen Mengen hochaktiven Abfalls. Nimmt man die Solidarität österreichischer Gemeinden im Zuge der Flüchtlingspolitik als Gradmesser, wird es in Österreich schwierig werden, eine Gemeinde zu finden, die sich bereiterklärt, die Endlagerung radioaktiver Abfälle zu übernehmen.

Ob eine Tiefenbohrung wirklich die ideale Lösung ist? Angesichts der extremen Zeitdimensionen sind alle Versuche einer Endlagerung ergebnisoffene Experimente. Aber unumgänglich, da die Bewältigung der Folgen der Atomkraft alternativlos ist.

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