: JUNGFORSCHERINNEN

Was war vor Handyfilm und Selfie? In einem interdisziplinären DOC-Team-Projekt erkunden diese drei Dissertantinnen den österreichischen Amateurfilm des 20. Jahrhunderts.

Uschi Sorz | aus HEUREKA 7/17 vom 06.12.2017

Michaela Scharf, 30, Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft

Als berufliche Perspektive waren die Geschichtswissenschaften der Niederösterreicherin doch wichtiger als der Jazzgesang. Mit dem hat sie sich das Studium finanziert. Schon früh interessierte sie der Film als historische Quelle. "Insbesondere Amateurfilme werden in meinem Fach recht stiefmütterlich behandelt." Sie möchte Methoden entwickeln, um private Filmdokumente "für die Geschichtswissenschaft zum Sprechen zu bringen". Mit der Förderung der ÖAW analysiert sie nun im Austausch mit ihren Teamkolleginnen analoge Amateurfilme. "Die Auseinandersetzung mit anderen Wissenschaftssprachen ist herausfordernd, aber lehrreich." Ihr Fokus liegt auf der unterschiedlichen Art, wie sich Menschen auf Film darstellen, und wie sich das im Lauf der Zeit verändert.

Sandra Ladwig, 32, Universität für angewandte Kunst Wien

"Der Amateurfilm nimmt mich in seiner widerspenstigen, vielfältigen Eigenart seit der Diplomarbeit als Forschungsgegenstand in Beschlag", sagt die gebürtige Berlinerin. Nachahmend und sich abgrenzend, sei er eine Art Parallelkultur zum professionellen Kino. Ladwig hat in Braunschweig Medien-und Kunstwissenschaft, in Wien Theater-, Film-und Medienwissenschaft studiert. "Uns konfrontieren Amateurfilme mit scheinbar Gegensätzlichem: Politische Ereignisse fallen mit persönlichen Erinnerungen zusammen, sodass etablierte wissenschaftliche Erklärungen oder Analysemodelle anhand solcher Filme infrage gestellt und überdacht werden müssen." Ein Beispiel seien Aufnahmen von Hitlers Einmarsch in Österreich, gefolgt von Gärntnerarbeiten und Kaffeejause auf der Veranda.

Sarah Lauß, 33, Universität für angewandte Kunst Wien

Schon im Studium der Kunstgeschichte sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft hat die Oberösterreicherin einen Schwerpunkt auf Film und Fotografie gelegt. Ihre Diplomarbeit widmete sie der Pressefotografie. Am Amateurfilm, ihrem Dissertationsthema, fasziniert sie die Formenvielfalt und das breite Themenspektrum. "Da geht es nicht nur um Familienereignisse, die Kinder oder Freizeitaktivitäten." Auch Stadtviertel, die Umgebung, politische Geschehnisse, Reisen oder kleine Inszenierungen seien festgehalten worden. "Genau diese Vielfalt macht die Arbeit mit dem Material so spannend." Neben der kulturellen und historischen Bedeutung der Motive erforscht Lauß auch deren filmische Umsetzung. Sie freut sich bereits auf den bevorstehenden Forschungsaufenthalt an der Uni Glasgow.

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