Utopie und Realität

Sprach-und Bildungswissenschafter sowie Lehrerinnen über Sprachförderklassen

Text: Sophie Hanak | aus HEUREKA /18 vom 28.03.2018

Spielerisch soll ein Dachs in Form einer Fingerpuppe herausfinden, wie gut das Deutsch des angehenden Schülers ist. Die Sprachstandsfeststellung ist ein erster Schritt bei der Einschätzung bzw. Einstufung eines Schülers. Danach wird entschieden, ob sie oder er in die Deutschförderklasse kommt oder nicht. Diese soll im Herbst eingeführt und in der Volksschule fünfzehn und in der Neuen Mittelschule zwanzig Wochenstunden von den Kindern besucht werden. Den Rest der Zeit verbringen sie in Regelklassen, etwa beim Turnen oder bei Ausflügen.

"Aus der Lernforschung weiß man, dass angeleitetes Lernen mit einer Zielvorgabe in der Regel nicht viel bringt, wenn es nicht eine soziale Einbindung beinhaltet", sagt Hans-Karl Peterlini, Professor für allgemeine Erziehungswissenschaft und Interkulturelle Bildung an der Universität Klagenfurt.

Die Muttersprache ebenso wie die Zielsprache fördern

"Ganz hypothetisch: Eine Sprachförderung in möglichst kurzer Zeit in einem isolierten Rahmen, wo Kinder migrantischer Herkunft eine Sprache im 'Hauruck'-Verfahren lernen sollen, sehe ich als sehr problematisch", sagt Peterlini.

Studien wie etwa jene von Jim Cummins, einem kanadischen Professor am Ontario Institute for Studies in Education der Universität Toronto, belegen, dass der Spracherwerb in der Zielsprache viel schwieriger erfolgt, wenn die Erst-bzw. Muttersprache nicht auch gefördert wird.

Das Erlernen einer neuen Sprache braucht weiters eine Einbettung in gesellschaftliche Zusammenhänge: Familie, Freunde, Wohnviertel. Sind diese nicht gegeben, entstehen Blockaden und Druck. Das Gelernte kann nicht angewendet werden.

"Dort, wo die Erstsprache gefördert wird, wo nicht gesagt wird' vergiss so schnell wie möglich deine Sprache, um die neue Sprache zu lernen, ist die Ermutigung zum Lernen viel größer. Wenn ich die eigene Sprache nicht ausbauen kann, ist es sehr schwierig, die neue Sprache zu verbessern. Das sollte bei den Sprachförderinitiativen unbedingt berücksichtigt werden", erklärt Peterlini.

Ideen zu einem besseren Spracherwerb im Regelunterricht

Modelle für diese Art des Lernens bzw. der Integration gibt es wenige. Doch der Bildungswissenschafter hat einige Ideen: "Es könnte beispielsweise so angelegt werden, dass immer wieder eine Sprache im Unterricht Platz findet. Nicht alle Kinder müssen dann etwa Farsi, Albanisch oder Türkisch wirklich lernen, aber alle kommen damit in Berührung. Auf diese Weise entsteht ein kreatives Spiel, das allen Freude bereitet. Die Migranten erfahren eine Bestätigung. Ihre Herkunft wird gewürdigt und bekommt einen Platz ohne Abwertung."

Als Beispiel zieht Peterlini die zweisprachige Schule VS 24 in Kärnten heran. Hier wird in einer Woche nur in slowenischer Sprache unterrichtet und in der nächsten Woche nur in Deutsch, unabhängig vom familiären Hintergrund. "Dies kann natürlich nicht als Modell der komplexen Situation einer Migrationsgesellschaft fungieren. Daraus lässt sich jedoch ablesen, dass Kinder in der Lage sind, mit großer Freude relativ schnell eine neue Sprache zu erlernen. Das Entscheidende dafür ist, dass beide Sprachen als normal erfahren werden, alle Kinder dasselbe lernen und sich gegenseitig akzeptieren", so Peterlini.

Jene Kinder, welche die Sprachförderklassen besuchen werden, sollen wenige Stunden in der Woche in ihrer Regelklasse verbringen, etwa beim Turnen. "Das sehe ich als recht problematisch. Sicher wird es dann zu Gruppenbildung kommen. Teilungen entlang nationaler Grenzen sind sehr mächtig, werden diese auch noch institutionell unterstützt, sind Kontakte untereinander erschwert. Jede Teilung sollte verhindert werden. Die Ausgliederung in Sprachförderklassen nach dem derzeitigen Konzept ist letztlich ein Gegenkonzept zu unserer Forschung", warnt Peterlini. "Wir sind jetzt sehr gefordert, wir brauchen mehr Mut zum Experiment, wir müssen den Kindern mehr zutrauen und mehrere verschiedene Methoden zur Sprachförderung anwenden."

Mehr Professionalität, mehr Kosten, mehr Aufwand

Dem stimmt auch Gero Fischer, emeritierter Professor für Slawistik der Universität Wien zu. "Damit Migranten die Sprache des Landes, in dem sie leben, lernen, wäre es wichtig, dass nicht nur ein Weg dafür vorgegeben wird, sondern mehrere verschiedene, abgestimmt auf die jeweiligen Schulen oder Regionen. Eine allgemeine Vorgabe oder ein generelles Muster für alle Schulen in ganz Österreich ist nicht sinnvoll und wird auch kaum umzusetzen sein. Die Verhältnisse müssen vor Ort individuell analysiert werden. Die Schulen müssten viel flexibler in dem Vorhaben der Sprachförderung von Migranten sein dürfen."

Damit dies durchführbar wird, brauchen die Schulleiter und Lehrkörper jedoch mehr Eigenverantwortung und jede mögliche Form der Unterstützung von Sozialpädagogen, Sprachwissenschafter oder Psychologen. "Im Allgemeinen brauchen wir hier viel mehr Professionalität. Das kostet natürlich etwas und bedeutet mehr Arbeitsaufwand als bisher", sagt Fischer.

Studien zeigen, dass Schüler voneinander lernen. Werden ausländische Kinder von einheimischen isoliert, fehlt das Lernen voneinander. "So wie es derzeit aussieht, werden Menschen mit Migrationshintergrund am Rand der Gesellschaft festgehalten und können nicht autonom agieren. Das Potenzial der zugewanderten Personen wird nicht genutzt, weil Zuwanderung von der herrschenden Politik vorwiegend negativ eingeschätzt wird", meint Fischer.

Zwei Lehrerinnenstimmen zum Problem

Während der Recherche zu diesem Artikel wurden einige Schulen angeschrieben, Antworten kamen wenige oder keine. Viele wollten trotz Zustimmung des Stadtschulrates oder der Inspektoren nichts sagen. Letztendlich haben zwei Lehrerinnen zugestimmt, anonym ein Interview zu geben.

In einer Volksschule in Wien, die wenige Migrantenkinder aufweist, erzählt eine Lehrerin: "Unsere Volkschule steht in Wien als Paradevolksschule dar. Wir machen bei allen möglichen Tests mit und schließen diese mit guten Ergebnissen ab. Man freut sich hier über die Anmeldung von Kindern, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben, aber gut deutsch sprechen. Auf dem Papier scheinen diese als Migrantenkinder auf. Somit hat die Schule Anspruch auf Förderstunden. In meiner Klasse ist das Migrantenkind Klassenbester."

Informationen über die geplanten Sprachförderklassen hat sie bis jetzt noch nicht ausreichend erhalten. "Was ich bisher darüber weiß, denke ich, wird der Unterricht in diesen Klassen sehr frustrierend und chaotisch sein. Um diese Klassen wird sich kein Lehrer reißen. Keines der Kinder spricht Deutsch, der Lehrer selbst versteht die Schüler nicht. Es wird eine große Diskrepanz hinsichtlich des Vorwissens geben. Manche Kinder können etwa 'das Haus' schreiben, andere erst das 'd'." Auch kann sich die engagierte Volksschullehrerin nicht vorstellen, dass an ihrer Schule Sprachförderklassen entstehen werden: "Ich denke, dafür ist die Aufteilung der Migrantenkinder zu inhomogen."

Eine andere Lehrerin arbeitet an einer Schule mit bis zu achtzig Prozent Ausländeranteil. Auch sie kann sich mit dem neuen Vorhaben nicht anfreunden. "Damit Kinder eine Sprache lernen, müssen sie in die Zielsprache eintauchen und voneinander lernen. Eine Isolierung mit nur einer Bezugsperson erachte ich nicht als sinnvoll." Es handelt sich bei den Migranten um Kinder ganz unterschiedlicher Herkunft. "Das Deutsch der Kinder ist in vielen Klassen in unserer Schule sehr schlecht, vor allem auch, weil zuhause niemand deutsch spricht. Hier sind natürlich auch die Eltern gefordert. Zwei oder drei Kinder in einer Klasse, die schlecht Deutsch sprechen, sind kein Problem. Doch wenn mehr als die Hälfte kein Deutsch spricht, wird es sehr schwierig. Dann brauchen wir Lehrer mehr Unterstützung, nicht nur von Sprachlehrern, sondern auch von Psychologen und Sozialarbeitern. Die Förderkurse oder auch die Begleitlehrer, die es bisher gibt, fallen oft wegen zu geringem Personalstand aus. Das ist dann sehr frustrierend."

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