Besser Deutsch

Je besser die Sprachkenntnis, je eher gelingen Integration und Partizipation

Text: Jochen Stadler | aus HEUREKA /18 vom 28.03.2018

Wien, eine Fahrt in der Schnellbahn. Zwei Männer stehen beim Ausstieg und diskutieren in kroatischer Sprache. Ein Mädchen telefoniert auf türkisch. Eine afrikanische Mutter redet mit ihrem Kleinkind in einer Sprache, die sonst im ganzen Abteil niemand versteht. "Hier kommst du dir vor wie irgendwo, nur nicht in Österreich", beschwert sich ein älterer Herr bei seiner Frau. "Wenn sie schon von überall herkommen, sollen sie sich zumindest anpassen und Deutsch sprechen."

Wer sagt in welcher Sprache womöglich etwas Schlimmes?

Hat er recht? Wimmelt es in Österreich von zugereisten, nicht-integrierten Personen, die unsere Sprache nicht lernen wollen und abgegrenzte Kommunen bilden?

Wohl nur, wenn man die Sache überängstlich und oberflächlich beobachtet. "Hört man genau hin, merkt man, dass die meisten dieser Menschen zweisprachig kommunizieren und immer wieder deutsche Wörter einfließen lassen", sagt Beatrice Müller vom Fachbereich Deutsch als Fremd-und Zweitsprache des Instituts für Germanistik der Universität Wien. "Außerdem würden sie fast alle auf Deutsch antworten, sollte ich sie ansprechen", erklärt sie. Nebenbei sind diese Vorurteile auch selektiv. Niemand würde Menschen, die in der Öffentlichkeit in italienisch, englisch oder französisch plaudern, als "nicht-integriert" bezeichnen und Angst haben, was sie wohl Arges besprechen. Bei rumänisch, bosnisch, serbisch, tschetschenisch oder türkisch ist dies anders.

"Das ist also eine Sache der Perspektive und der Zuschreibung, aber warum sollte in diesen Sprachen etwas Schlimmes besprochen werden, meist redet man dort eh nur darüber, was man jetzt einkauft, ob man sich trifft, oder den Arbeitstag", so die Forscherin. Doch leider würde diese Angst gezielt für politische Zwecke geschürt.

Zweifellos ist die Kenntnis einer gemeinsamen Sprache entscheidend dafür, wie gut jemand integriert ist. "Wollen wir eine Gesellschaft, in der gemeinsam friedlich gelebt wird, muss auch gut kommuniziert werden", sagt Müller. Dafür sei die Sprache essenziell.

Sprachkenntnis und Integration korrelieren stark

"Je besser die Sprachkenntnis ist, umso eher gelingen Integration und Partizipation", erklärt Erwin Ebermann vom Institut für Afrikawissenschaften der Universität Wien. Er konnte dies bei Zuwanderern aus Afrika belegen: Wer besser Deutsch spricht, wird von den Familien der Partner und Partnerinnen eher akzeptiert, arbeitet mit höherer Wahrscheinlichkeit an qualifizierten Arbeitsplätzen und hat auch eher einheimische Freunde. "Interessanterweise hat aber die Nationalsprache des Herkunftslandes einen erheblichen Einfluss auf die Integrationschancen", so Ebermann.

Nachdem in Afrika in den meisten Fällen die ehemaligen Kolonialsprachen heute noch offizielle Landessprachen sind, sprechen die meisten Afrikaner Englisch oder Französisch. Englisch versteht in Österreich ein Großteil der Bevölkerung (70 Prozent), Französisch nur eine Minderheit (zehn Prozent). Die englischsprachigen Afrikaner haben demnach einen leichteren Einstieg, der sich aber langfristig als Fluch erweist. Statistiken belegen, dass sie bezüglich Sprachkenntnis und Integrationschancen den Afrikanern aus frankophonen Ländern hinterherhinken.

Nach vier Jahren in Österreich beherrscht die Hälfte der Afrikaner aus frankophonen Ländern die deutsche Sprache gut, jene aus anglophonen aber nur ein Viertel. Frankophone Ex-Afrikaner schneiden in allen Integrationsbereichen privat wie beruflich besser ab als anglophone. Nach neun Jahren in Österreich kommunizieren 92 Prozent der frankophonen und achtzig Prozent der anglophonen Ex-Afrikaner reibungslos in Deutsch.

Kinder verstehen die Inhalte von Schulbüchern nicht

Es hat sich gezeigt, dass sich Kinder von Zuwanderern in der Schule schwerer tun und weniger hohe Bildungsniveaus erreichen als jene von Einheimischen. "Das ist auch bei jenen der Fall, die von Anfang an im österreichischen Bildungssystem waren und bei denen schon die Eltern oder sogar Großeltern nach Österreich gekommen sind", erklärt Müller. Sie teilen sich dieses Problem mit Kindern aus sozial benachteiligten Schichten. Dagegen gäbe es zwar Rezepte, sie werden aber in der Regel nicht angewendet. Man müsste integrativ in allen Fächern die Sprache fördern, denn Deutsch ist und bleibt nun einmal jene Sprache, in der gelehrt wird und Prüfungen abgehalten werden. Neben den Fachinhalten müsste man sich auch mit den jeweiligen Texten selbst intensiv auseinandersetzen.

Die Lehrbücher und andere Quellen sind oft in einer sehr abstrakten Sprache mit verschachtelten, unterschiedlich hierarchisierten Nebensätzen verfasst. Kinder, die eine andere Erstsprache haben als Deutsch, und viele österreichische Kinder, die nicht mit komplexer Sprache vertraut sind, verstehen Inhalte weniger. "Fördert man in allen Fächern integrativ auch das Sprachverständnis, indem man sich explizit mit den Texten auseinandersetzt, eröffnet sich der Inhalt den Schülern und Schülerinnen viel besser und sie sind erfolgreicher", so Müller. Dies solle nicht erst in der Mittelschule und dem Gymnasium passieren, sondern schon in der Volksschule und am Ende der Kindergartenzeit.

Die Kinder sollen aber auch in ihrer Erstsprache kommunizieren können. Wenn nach dem Motto ,Deutsch am Pausenhof' und durch andere Schikanen ihre Erstsprache abgewertet wird, erfahren sie ständig eine Herabsetzung. "Das kann nicht wirklich zu einer Integration führen", sagt Müller. Jeder Sprache solle Respekt gezollt werden, alle sollten eine Berechtigung haben. "Das negiert nicht, dass das Deutschlernen wichtig für die Integration ist, sondern unterstützt es."

Der Lernerfolg unter Zwang ist im Allgemeinen niedrig

"Auch für die Erwachsenen ist es essenziell, dass sie die lokale Sprache gut beherrschen, um hier Partizipationschancen in den Bereichen zu haben, die für sie wichtig sind", erklärt Erwin Ebermann: "Zuwanderer aus Afrika, die häufig eine gute Ausbildung aufweisen, erwarten und erhoffen sich meist entsprechende Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Ist man kein gutbezahlter UN-Mitarbeiter, benötigt man zur Realisierung gute Kenntnisse der deutschen Sprache."

Deshalb sollte man ihnen leistbare Möglichkeiten bieten, sie zu erlernen. "Das Angebot wird in der Regel sehr gut angenommen, aber man sollte auf keinen Fall den Status, in Österreich bleiben zu können, davon abhängig machen, ob Menschen gut Deutsch sprechen oder nicht", sagt Müller. Niemand habe einen Nutzen davon, wenn diese Menschen gezwungen werden, Deutsch zu lernen. Der Lernerfolg unter Zwang sei im Allgemeinen niedriger, als wenn jemand sich etwas freiwillig und aus eigenem Antrieb aneignen will.

Man kann außerdem selbst ohne Deutschkenntnisse am Arbeitsmarkt tätig sein. Handwerker, Bauarbeiter und Reinigungskräfte sind hierzulande ein Beweis dafür. Es wäre allerdings zu ihrem eigenen Vorteil meist besser, wenn sie die deutsche Sprache beherrschen. Dann wären sie nicht so leicht auszunutzen und auszubeuten. "Der Grad der Beherrschung der lokalen Sprache ist nicht nur extrem wichtig für die Akzeptanz und Integrationserfolge, sondern natürlich auch für den beruflichen Erfolg", sagt Ebermann.

Deutschsprachige sollten Fremdwörter aufnehmen

Ein Zeichen dafür, dass die Integration funktioniert, ist, wenn nicht nur Migranten Deutsch sprechen, sondern auch ihre Schulund Arbeitskollegen Wörter und Ausdrücke der anderen Sprache gelernt haben, erklärt Müller. Man sehe daran die Wertschätzung an den verschiedenen Sprachen, und selbst wenn dies nur ansatzweise als "Mehrsprachigkeit" gelten kann, könne dies auch die Gehirnentwicklung jener Menschen fördern, die sonst nur eine einzelne Sprache gewohnt sind. "Es gibt aus der Neurobiologie wunderbare Beispiele, dass gelebte Mehrsprachigkeit die Gefahr einer Altersdemenz viel stärker senkt als jedes Medikament, das bisher auf dem Markt ist", so Müller. Demnach würden auch wir Österreicher profitieren, eine zusätzliche Sprache wie Bosnisch oder Türkisch zu lernen und regelmäßig darin zu plaudern.

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