Wie wirken Deutschförderklassen?

Drei Bildungsexperten zu den für den Herbst geplanten Deutschförderklassen

Text: Barbara Freitag | aus HEUREKA /18 vom 28.03.2018

Muriel Warga-Fallenböck leitet die Abteilung "Diversitäts-und Sprachenpolitik, Minderheitenschulwesen und Schulpartnerschaft" im Bildungsministerium. Davor war sie Assistentin für Sprachwissenschaft und Fachdidaktik an der Universität Graz. Martin Netzer leitet die Abteilung "Bildungsentwicklung und -reform" im Ministerium und ist Gesamtkoordinator der Bildungsreform. Christiane Spiel ist Vorstand des Instituts für Angewandte Psychologie an der Universität Wien und Bildungsexpertin.

Frau Warga-Fallenböck, die Präsentation des Konzepts der ab Herbst 2018 geplanten Deutschförderklassen hat für Kritik gesorgt. Worum geht es genau?

Muriel Warga-Fallenböck: Um außerordentliche Schüler, also jene, die aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse dem Unterricht nicht folgen können. Dieser Status kann für maximal zwei Jahre vergeben werden. Derzeit gibt es für alle Schulstufen entweder Sprachförderkurse oder Sprachstartgruppen mit maximal elf Stunden pro Woche, entweder integrativ oder parallel zum Unterricht. Und seit Herbst 2016 auch verpflichtende Diagnoseinstrumente zur Erhebung und passgenauen Förderung des sprachlichen Niveaus der Kinder in den Sprachförderkursen und Sprachstartgruppen. Das BMBWF hat ein Diagnoseverfahren zur Verfügung gestellt, mit dem die sprachlichen Kompetenzen überprüft werden können. Zuvor haben die Deutsch-als-Zweitsprache-Lehrenden die Diagnose nach eigenen Einschätzungen durchgeführt. Doch wir wissen aus Untersuchungen, dass diese Einschätzungen aus dem Bauch heraus nicht immer mit den tatsächlichen Kompetenzen des Kindes übereinstimmen.

Ist das in zwei Jahren zu schaffen?

Warga-Fallenböck: Natürlich werden die Kinder auch als ordentliche Schüler sprachlich gefördert. Die alltagssprachliche Kompetenz kommt ja rascher als die bildungssprachliche, deren Entwicklung bis zu acht Jahre benötigen kann. Im Alltag schon ganz gut Deutsch zu sprechen, kann aber gewissermaßen auch eine "Falle" für das Kind bedeuten, weil es manchmal trotzdem noch nicht in der Lage ist, bildungssprachlich komplexe Aufgaben richtig zu verstehen, etwa in Mathematik. Da müssen auch Lehrende genau hinschauen. Eine zentrale Rolle muss dabei aber der sprachsensible Unterricht in allen Fächern spielen. Die Deutschförderung soll zielgerichteter gestaltet werden. Einmal soll der Status als außerordentlicher Schüler durch ein besseres, standardisiertes Verfahren erhoben werden können. Das BMBWF erarbeitet gerade ein solches Instrument, das eine hohe Aussagekraft haben muss und leicht umsetzbar ist, denn die Lehrenden wenden es im Rahmen der Schülereinschreibung an.

Weist ein Kind starken Deutschförderbedarf auf, ist es in der neuen Deutschförderklasse mit fünfzehn bis zwanzig Stunden Deutschunterricht gut aufgehoben, das ist ja ein geschützter Raum. Eine solche Klasse kann ab acht Kindern eröffnet werden. Dieses Modell wird auch mit guten Erfahrungen in Deutschland genutzt. Die Kinder werden natürlich nicht isoliert, sondern verbringen zum Beispiel in der Volksschule acht Stunden mit den anderen Kindern. Das Ziel ist, die Kinder rasch in die Regelklasse zu integrieren.

Wie wird das praktisch aussehen?

Warga-Fallenböck: Die Bildungsreform zielt auf eine größere Schulautonomie ab. Es wird unterschiedlich sein. Ich habe großes Vertrauen in die Schulstandorte, die wissen, wie sie damit umgehen sollen. Der Deutschförderkurs als zweites Tool ist für jene Kinder gedacht, die immer noch außerordentliche Schüler sind, aber schon besser Deutsch können. Sie kommen in eine Regelklasse und erhalten im Ausmaß von sechs Stunden intensive Deutschförderung. Und wir bemühen uns auch um eine bessere Qualifikation der Sprachlehrenden.

Herr Netzer, ist es nicht schwierig, dieses Instrumentarium zur Erhebung der Deutschkompetenz zu entwickeln? Geht das nicht auch mit der Kompetenz in der Muttersprache der Kinder einher?

Martin Netzer: Wir sehen es umgekehrt. Wir sagen, egal, woher das Kind kommt, der Unterricht hat bestimmte Anforderungen an das Sprachvermögen. Für uns zählt, ob das Kind dem Unterricht folgen kann. Und das kann es vielleicht auch, wenn es noch nicht sicher in der Grammatik ist. In der Förderung muss man differenzieren, das stimmt. Aber der Befund sagt nur: Das Kind versteht oder es versteht nicht. Unser oberstes Ziel ist, das Kind sobald wie möglich in den Regelunterricht gehen zu lassen, auch mit noch geringen Schwierigkeiten.

Was sagen Sie zum Vorwurf der Segregation der Kinder in der Deutschförderklasse?

Netzer: Ich kann nachvollziehen, dass man befürchtet, eine nicht umkehrbare Segregation zu haben. Wir nehmen diese Sorge ernst. Faktum ist aber, dass die Segregation eher dann eintritt, wenn die fehlenden Deutschkenntnisse nicht kompensiert werden können und die Kinder diese in die Sekundarstufe mitnehmen. Dann geht die Schere immer weiter auf. Wir sind, wie man auch der PIRLS-und PISA-Studie entnehmen kann, das Land mit dem größten Gap in der vierten und achten Schulstufe. Offenkundig haben die bisherigen Maßnahmen also nicht genügend gegriffen. Deshalb müssen wir zusätzliche Anstrengungen unternehmen, denn wir sehen ja, dass bis zu vierzig Prozent der Kinder, die vom Kindergarten in die Volksschule übertreten, trotz des verpflichtenden Jahres im Kindergarten den Status als außerordentliche Schüler erhalten. Das sind erschreckende Werte. Wir müssen also schnell und gezielt intervenieren, sonst nehmen wir diesen Kindern wichtige Chancen.

Frau Spiel, teilen Sie die Kritik, dass Deutschförderklassen zur Segregation der Kinder führen?

Christiane Spiel: Die Forschungen dazu, insbesondere aus der Linguistik zeigen, dass Deutschförderung, die integrativ im Unterricht erfolgt, bessere Ergebnisse bringt als eine Förderung, die fast ausschließlich außerhalb stattfindet. Beim integrativen Ansatz kann Deutschförderung in das Fachlernen eingebunden sein. Bei Deutschförderklassen ist zu befürchten, dass mit der Zeit beim Fachlernen ein ziemlicher Rückstand entsteht, der dann wiederum mühsam aufzuarbeiten ist. Kinder lernen auch durch die Interaktion mit einheimischen Kindern, nicht nur die Sprache sondern auch Regeln des sozialen Umgangs in Österreich. Wie wir aus unseren eigenen Studien wissen, ist die Klasse ein wichtiger Ort, um Freundschaften über Kulturen hinweg zu schließen.

Eine Deutschförderklasse wird erst ab einer Anzahl von acht Kindern eröffnet. Ist das eine sinnvolle Größenordnung?

Spiel: Ich würde für eine Kombination von Förderung in der Klasse und zusätzlicher Förderung außerhalb plädieren, wobei so viel wie möglich integrativ gefördert werden sollte. Je größer die Zahl von Kindern ist, die eine Förderung benötigen, desto schwieriger ist es ohne Zweifel für die Lehrpersonen, das heißt, es braucht eine zweite Lehrperson in der Klasse. Damit die Förderung adäquat erfolgen kann, sollten diese Lehrpersonen eine Ausbildung in Deutsch als Zweitsprache haben. Wenn dies nicht gegeben ist, ist zu befürchten, dass es sehr lange dauert, bis die Kinder ausreichende Deutschkenntnisse erwerben, um dem Unterricht ohne Probleme folgen zu können. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass den Kindern die Schuld für die lange Dauer zugeschrieben wird und nicht der mangelnden Qualifikation der Lehrperson.

Welche weiteren Maßnahmen außer Sprachförderung wären noch sinnvoll?

Spiel: Im Rahmen der Arbeit im Migrationsrat für Österreich haben wir uns mit solchen Maßnahmen beschäftigt. Dazu gehören insbesondere die Einführung eines zweiten verpflichtenden Kindergartenjahres und die Qualifizierung von Elementarpädagogen für Sprachförderung, die Verankerung multikultureller Erziehung als Schwerpunkt in der Pädagogenausbildung, die Suche und Aufnahme von Migranten in pädagogische Berufe und die stärkere Einbindung von Eltern.

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