:EDITORIAL

Verhexung

Christian Zillner | aus HEUREKA /18 vom 28.03.2018

"Die Philosophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache." An diesen Satz von Ludwig Wittgenstein denkt kaum einer, wenn er den Mund aufmacht, um zu sprechen. Und doch droht ihm in diesem Moment die Gefahr der Selbstverhexung.

Diese Gefahr zeigt sich besonders auch in Diskussionen, bei denen es um die Frage geht, wie gut ein Mensch eine Sprache sprechen muss, um als vollwertiges Mitglied einer Gruppe oder Gesellschaft gelten zu können. In Österreich, so habe ich einmal gelernt, beginnt der Mensch beim Doktor. Ein Indiz dafür ist, dass nach dem Erwerb des Titels alle, die davon wissen, den Titelträger plötzlich nicht mehr mit dem Namen, sondern mit "Doktor" ansprechen. Dabei fühlt sich der Sprecher übrigens genauso geschmeichelt wie der Angesprochene.

Wer also bei uns gut integriert sein möchte, braucht einen Titel. Im anderen Fall muss er über Kompetenzen verfügen, um akzeptiert zu sein. Deutschsprechen ist nur eine von vielen. Die meisten anderen zeigen sich in ordentlichen Arbeitsverhältnissen oder Tätigkeiten. Jemanden etwas Vernünftiges tun zu lassen, scheint mir integrativer, als ihm Richtigsprechen beizubringen. Sprachliche Hexenkünste dienen eher der Ausgrenzung.

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