: MEDIZIN/ONKOLOGIE

Die Physik der Sprachlandschaft

Können Methoden der Physik genutzt werden, um die Ausbreitung von Sprachen zu beschreiben? Katharina Prochazka erklärt diesen Prozess an den Beispielen von Südkärnten und Ungarn

Uschi Sorz | aus HEUREKA /18 vom 28.03.2018

"Am Physikinstitut bin ich wohl eine Exotin", meint Katharina Prochazka von der Universität Wien. Sie ist die Einzige, die in ihrer Forschung Physik und Linguistik vereint. Sprachdiffusion nennt sich das und ist keineswegs so absurd, wie es im ersten Moment klingt. "Natürlich kann man Menschen und ihr Verhalten nicht messen wie Atome", betont Prochazka. "Bei dieser Kombination geht es vielmehr darum, Analogien zu finden und zu nutzen."

Als Diffusion bezeichnet man in der Physik die Ausbreitung von Teilchen in Zeit und Raum. Doch physikalische Diffusionsmodelle lassen sich ebenso gut auf andere Phänomene anwenden -auch Lebewesen, Gerüchte oder Krankheiten breiten sich aus. "Die Naturwissenschaft ist extrem gut darin, Zusammenhänge in großen Datenmengen zu finden, die man sonst nicht sehen würde." Auf Basis einer solchen Modellierung hat sie im Vorjahr zusammen mit Gero Vogl eine interdisziplinäre Studie zu den Sprachbewegungen des Slowenischen in Südkärnten publiziert.

Die "Enklave der Sprachdiffusionsforschung" an der Universität Wien schuf ein glücklicher Zufall, der zwei Personen mit ähnlichen Interessen zusammenbrachte. Der mittlerweile emeritierte Physikprofessor Vogl mit einer Vorliebe für interdisziplinäre Projekte dachte bereits eine Weile über Sprachenausbreitung nach. Und Prochazka konnte sich nie zwischen Physik und Linguistik entscheiden und hat darum in beidem ein Masterstudium abgeschlossen. Während der Masterarbeit an der Fakultät für Physik saß Vogl im Büro nebenan. Das Resultat: Prochazka dissertiert nun fächerübergreifend zur Sprachdiffusion, Vogl ist einer ihrer Betreuer.

Der Landschaftsbereich Südkärnten ist ein gut dokumentiertes "sprachliches Ökosystem", in dem slowenische und deutsch einander beeinflussen. Oben erwähnte Studie hat sich auf die Zeiträume 1880-1910 und 1971-2001 konzentriert. Das Slowenische sei in diesen Zeitabschnitten unterschiedlich verteilt gewesen, so Prochazka. Während der Monarchie war Südkärnten fast komplett slowenisch-bzw. zweisprachig. "1971 war die Zahl der Slowenischsprechenden deutlich kleiner und das Siedlungsgebiet nicht mehr so groß und zusammenhängend." Eher ließen sich "Sprachinseln" ausmachen.

"In der Monarchie ging in Klagenfurt das Slowenische am schnellsten zurück", sagt Prochazka. "In jüngerer Zeit ist es genau umgekehrt, die Zahl der Slowenischsprechenden nimmt dort sogar zu." Das könne darauf hindeuten, dass man Sprachvielfalt heute positiver bewerte und sich mehr Menschen zur slowenischen Sprache bekennen.

Die Zahl der Slowenischsprechenden in den Orten und in ihrer Nachbarschaft sei eine wichtige Einflussgröße. "Unsere Computersimulationen haben gezeigt, dass der Kontakt mit Menschen, welche die selbe Sprache sprechen, ein wesentlicher Antrieb für Spracherhalt oder -wechsel ist. Problematisch wird es dort, wo Minderheitensprachen abgelehnt werden."

Derzeit untersucht Prochazka, ob sich das Kärntner Modell auch auf Ungarn zur Zeit der Monarchie anwenden lässt. Die Rahmenbedingungen sind vergleichbar. Seit dem 17. Jahrhundert gibt es in Ungarn eine deutschsprachige Minderheit. Auch sie ist kontinuierlich zurückgegangen und steigt laut einer Volkszählung nun wieder etwas an. "Leider ist es nicht so einfach, vollständige und auch kleinräumige historische Daten für die Modellierung solcher Prozesse zu finden." Da diese, speziell bei Minderheitensprachen, weltweit vor sich gehen, könne das Sprachdiffusionsmodell jedoch Grundlegendes zu deren Verständnis beitragen.

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