: WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH

Empfehlungen von Erich Klein | aus HEUREKA /18 vom 25.04.2018

Die Basis für jede Leonid-Breschnew-Gedächtnistour

Ein Witz aus der Endphase der "Stagnation": Wer ist Breschnew? - Ein kleiner Diktator in der Epoche von Sacharow und Solschenizyn! Vorliegend ein umfassendes Porträt des Ukrainers, vom Stalin-Verehrer über den Günstling von Chruschtschow, durch dessen Absetzung Breschnew 1964 an die Macht kam. Bis zu seinem Tod 1982 war er Generalsekretär der KPdSU. Der Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag 1968 fällt wie jener in Afghanistan 1979 in seine Regierungszeit. Er küsste DDR-Honegger eindrucksvoll und erklärte sich selbst zum vielfachen Helden der Sowjetunion.

Susanne Schattenberg, Leonid Breschnew. Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins. 661 S., Böhlau, 2017

Vom dekadenten Jung-Wiener zum als Kommunisten denunzierten Flüchtling

Jung-wienerisch dekadent notierte der 21-jährige Berthold Viertel 1906: "Welche Hoffnungen bleiben mir?" Es folgt eine Karriere als Dichter, Kritiker und "Theatermensch" mit Versuchen beim Film und letztlich Flucht aus Nazideutschland nach Prag, England und in die USA. "Schau mal, ich bin Österreicher, dazu Jude. Wir gingen ins Exil wie entthronte Könige. Meine Arbeit hatte bereits im Treibsand zerbröckelnder Verhältnisse begonnen." Nach Kriegsende kehrt Viertel nach Europa zurück und arbeitet mit Brecht zusammen. In Wien wird er als Kommunist denunziert.

Katharina Prager: Berthold Viertel. Eine Biografie der Wiener Moderne 364 S., Böhlau Verlag, 2018

Der Mann, der Jesus in schlechte Gesellschaft brachte - oder?

Die "linke" Biografie von "Jesus in schlechter Gesellschaft" (1971) brachte den Wiener Theologen und Kaplan Adolf Holl in Konflikt mit der Amtskirche. Der Erzbischof entzog ihm die Lehrberechtigung. Auf das öffentliche Bekenntnis, das Zölibat gebrochen zu haben, folgte die Suspendierung vom Priesteramt. Drei Dutzend Bücher (darunter auch internationale Bestseller) und eine Karriere als öffentlicher Intellektueller (seltene Spezies im Land!) waren die Konsequenz. Nicht zufällig wurde Holl als "einer der besten Schriftsteller Österreichs" tituliert.

Harald Klauhs, Holl. Bilanz eines rebellischen Lebens 368 S., Residenz Verlag, 2017

Kunst und Literatur in einem wissenschaftlichen Werk

Goethe meinte: "Wer Wissenschaft und Kunst besitzt, hat auch Religion; wer jene beiden nicht besitzt, der habe Religion." Danach wurde das Gespräch der "zwei Kulturen" für längere Zeit ad acta gelegt - bis zur Erfindung des Studienlehrgangs Künstlerische Arbeit als Wissenschaft in Wien. Ein erstes Ergebnis ist die Koproduktion "Fauna". Die Künstlerin Elena Peytchinska erfindet ein mathematisches Denkspiel und entfaltet dabei digitale Zeichnungen zu einem "theoretischen Tier", Autor Thomas Ballhausen erschreibt dazu eine Zoologie des Imaginären.

Elena Peytchinska, Thomas Ballhausen, FAUNA. Sprachkunst 320 S., Verlag de Gruyter, 2018

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