: ROBOTIK

Mein Boss ist ein Blechtrottel

Immer mehr Personal wird für Führungsaufgeben benötigt. Künftig sollen zwei Drittel aller neuen Jobs im Führungsbereich entstehen. Liegt es da nicht nahe, KI zu nutzen und für die Mitarbeiterführung einzusetzen?

Dieter Hönig | aus HEUREKA /18 vom 25.04.2018

Die Vision ist faszinierend und erschreckend zugleich: Man versucht, Computern menschliche Intelligenz und die Verhaltensweisen von Vorgesetzten beizubringen. Die Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) in den vergangenen Jahren bringt eine Menge an neuen Anwendungen. Der US-Konzern Google gilt hier als ein Vorreiter und lässt gerade in Zürich an einer Weiterentwicklung praktischer Anwendungen forschen.

"Künstliche Intelligenz ist nichts Neues", sagt Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy. "Schon in den 1950er Jahren ist erstmals ein Hype darum ausgebrochen. Die Prognosen waren damals jedoch reichlich überzogen. Nun ist es aber soweit: Basierend auf enormen Datenmengen, hoch entwickelten Algorithmen und gesteigerter Rechenleistung, dringt KI in alle Lebensbereiche vor und verändert die Wirtschaft, wie wir sie kennen." So überlegt etwa der Versicherungskonzern Zürich, in Zukunft die Schadensabwicklung Maschinen zu überlassen. Diese sollen pro Fall wenige Sekunden benötigen, wofür ein Mensch eine Stunde arbeitet.

Roboter als Vorstandsvorsitzende - bloß eine Fiktion?

Der Chef des chinesischen Internetkonzerns Alibaba rechnet damit, dass Roboter sogar als CEO von Unternehmen zum Einsatz kommen könnten: Diese seien objektiver und weniger empfindlich als Menschen. Barbara Stöttinger sieht dies anders: Roboter als CEO seien derzeit reine Fiktion und auch mittelfristig nicht vorstellbar. "Nicht alles, was machbar wäre, sollte auch gemacht werden. Sicher ist aber: Wir steuern in eine ungewisse Zeit!"

Der Einsatz Künstlicher Intelligenz, die fortschreitende Automatisierung und das Internet der Dinge sowie die Verknüpfung dieser Technologien wirken sich auf den Arbeitsmarkt aus. Zwischen Panikmache wegen befürchteter Massenentlassungen und allzu optimistischen Prognosen fehlt es derzeit an Raum für eine nüchterne Betrachtung. Vor diesem Hintergrund und als Gegenentwurf zur Vision vom "Robo-Boss" kommt es bei der Menschenführung noch stärker auf Empathie, Entscheidungsunterstützung und Erfahrung an.

"Bei Mitarbeitern löst die Vorstellung, dass Maschinen ihre Jobs übernehmen könnten, verständlicherweise Verunsicherung aus. Dem sollten Führungskräfte aktiv und verständnisvoll begegnen", empfiehlt Stöttinger.

So wie sich die Künstliche Intelligenz erst das Vertrauen der Menschen erarbeiten muss, braucht es im Gegenzug Verständnis für die berechtigte Sorge der Mitarbeiter, welche Rolle sie etwa im Unternehmen dann noch spielen werden. Dass monotone Tätigkeiten zunehmend an Maschinen ausgelagert werden, sieht Stöttinger jedoch positiv: "Die Kreativität und das soziale Verhalten können sowieso nicht ersetzt werden.

Neue Berufe werden entstehen, für die es heute noch gar keine Bezeichnungen gibt. In Zukunft werden noch mehr qualifizierte Fachkräfte notwendig sein, die auch in punkto Bezahlung höhere Ansprüche stellen."

Zwei von drei neuen Stellen gehen an Führungskräfte

Eines steht für Stöttinger fest: "Je besser qualifiziert Mitarbeiter sind, desto eher behalten sie ihre Arbeit. Und wenn neue Jobs benötigt werden, dann vor allem im Führungsbereich. Eine Studie des Beratungsunternehmens Capgemini rechnet vor, dass zwei von drei neuen Stellen an Führungskräfte gehen. Von diesen werde verlangt, sich selbst Wissen und Gespür für neue Technologien anzueignen und nicht einfach der IT-Abteilung zu überlassen.

Ethische Fragen rund um intelligente Maschinen und Roboterarbeiter müssten indes nicht nur von Unternehmen, sondern vor allem von Staat und Gesellschaft sowie deren Interessenvertretungen geklärt werden. Stöttinger bringt das Beispiel von selbstfahrenden Autos, die ja heute bereits technisch möglich wären. Solange aber Ethikfragen und verkehrsrechtliche Probleme nicht umfassend gelöst sind, sollte der Einsatz nicht selbstverständlich sein.

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