: HORT DER WISSENSCHAFT

Intelligente Entfreundung

Martin Haidinger | aus HEUREKA /18 vom 25.04.2018

Ich kenne einige intelligente Menschen. Glaube ich jedenfalls. Einer davon saß unlängst in der Wiener Staatsoper vor mir, während wir Gottfried von Einems Oper "Dantons Tod" lauschten. Der intelligente Mensch und ich bekamen dabei die wahnwitzigen Eskapaden der "Terreur"-Phase der Französischen Revolution vorgeführt, die furchtbaren Folgen des Denunziantentums und die mörderischen Maßnahmen diktatorischer Volksdemokraten. Der intelligente Mensch bemerkte mich nicht.

Er ist Repräsentant einer agitatorischen, grenzenlosen Organisation, teilt in sozialen Netzwerken seine Freude über Zwangsmaßnahmen gegen seine politischen Feinde mit und jauchzt hasstriefend, wenn's wieder einmal einen Rivalen erwischt hat. Seine ebenso intelligenten Gesinnungsgenossen stimmen in diesen Chor ein, darunter jener Wissenschafter, der die Namen missliebiger Richter "für bessere Zeiten"(also wohl den Tag seiner Machtübernahme) "dokumentieren" will, und eine altgediente Person der Medienszene, die "Schutzbarrieren" gegen den Ausgang demokratischer Wahlen in aller Welt errichten möchte, so diese nicht das von ihr gewünschte Ergebnis zeitigen.

Ich habe den intelligenten Menschen noch nicht elektronisch "entfreundet", weil ich weiterhin verfolgen will, wie selbsternannte Inquisitoren in totalitäres Denken verfallen. Auf der Bühne der Staatsoper schickte derweilen Robespierre seine Feinde aufs Blutgerüst. Regungslos konsumierte der vor mir sitzende intelligente Mensch das Bühnenspiel vom Messerwetzen und Guillotinieren, vom Wort- und Kopfabschneiden.

Ich betrachtete sein wohltoupiertes Haar und die feine, entspannte Nackenmuskulatur. Dass ihm hier ein Spiegel seines eigenen, niederträchtigen Tuns vorgehalten wurde, kam ihm nicht einen Augenblick lang in den Sinn. Das ist also ein von Natur aus intelligenter Mensch!

Wäre es nicht Zeit für den Sieg der Künstlichen Intelligenz? Oder sind wir ohnehin schon Produkte einer solchen? Vor 15 Jahren präsentierte der schwedische Philosoph Nick Bostrom seine Simulationshypothese. Er hält es für möglich, dass wir alle längst in einer Quantencomputersimulation leben, die eine zukünftige oder außerirdische Intelligenz fabriziert hat; dass wir also zu einem Geschichtsprojekt gehören, dessen Urheber Universen erschaffen haben, darunter auch uns Menschen, deren Zellen aus Bits und Bytes bestünden. Wenn es stimmt, ist diese Simulation eine sadistische Schnapsidee, denke ich, während ich den intelligenten Menschen dann doch entfreunde.

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