: HORT DER WISSENSCHAFT

Datikinese

Martin Haidinger | aus HEUREKA /18 vom 30.05.2018

Touché! Sie haben mich beim wilden Fabulieren ertappt! "Datikinese" ist ein Neologismus. Ich habe diesen Begriff soeben erfunden. Zugegeben, es ist verhatschtes Italienisch. Korrekt müsste man chinesische Daten "dati cinesi" nennen. Aber die Versuchung ist gar zu groß, das, was derzeit in China abläuft, mit einem rasanten Bewegungsablauf und einer Veränderung in der Form menschlichen Zusammenlebens zu vergleichen.

Chinas kommunistische Machthaber, die so überaus erfolgreich marktwirtschaftliche Mechanismen gegen internationale Konkurrenz einsetzen, können die Einwohner ihres Reichs mittlerweile mit 170 Millionen Kameras, Scanprogrammen und polizeilicher Internetbrille samt Gesichtserkennung fast lückenlos überwachen. Das lässt den Orwellschen Big Brother alt aussehen.

Was vom Soziologen Pierre Bourdieu in den 1980er Jahren als allen Menschen eigenes soziales, kulturelles, ökonomisches und symbolisches Kapital bezeichnet wurde, soll bis 2020 von jedem einzelnen der derzeit 1,3 Milliarden Chinesen gespeichert vorliegen, samt genetischer Codes und Stimmerkennung. Die totale Überwachung und Steuerung ihrer Untertanen wird das ultimative Fest für die Machthaber des größten marxistischen Unrechtsstaats der Welt.

Wenn der Massenmörder Mao Tse-tung analoge Schergen einsetzen musste, um Millionen Menschen zu töten, können seine Erben schon vorbeugend jede Regung abweichender Gedanken im letzten Hinterstübchen eines Schulkinds auf den Straßen von Chengdu, einer Geschäftsfrau in Shanghai oder eines Almöhis im Honggan-Gebirge erfassen.

An den Universitäten werden die Lehrinhalte, seit Xi Jinping 2012 Parteichef geworden ist, noch schärfer kontrolliert als früher. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass durch diese Technologieoffensive bereits mehr als die Hälfte der Chinesen kein Bargeld und keine Plastikkreditkarten mehr brauchen, mit mobilem Internet bezahlen können und ihre Versicherungsgeschäfte samt und sonders digital abwickeln. Sehr super! Neben verschiedenen Scharia-Höllen wohl das letzte totalitäre System, in dem ein zivilisierter Mensch leben möchte, oder?

Aber nicht doch! Nach der Rückkehr vom großen österreichischen Staatsbesuch im Reich der Mitte beruhigte UHBP AvdB im Radio: "Insgesamt hab ich den Eindruck, dass China, sagen wir mal stark verkürzt, ein autoritär bürokratisch regiertes Land ist, aber nicht totalitär." Also eine Art Bundesministerium mit bisserl strengeren Sektionschefs. Na dann

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