Weißt du, wieviel' Vögel fliegen?

Statt Käfer oder Vögel werden heute Daten gesammelt, während die realen Bestände schrumpfen

Text: Joshua Köb | aus HEUREKA /18 vom 30.05.2018

Das Melden ist so einfach wie noch nie!" Norbert Teufelbauer muss es wissen, schließlich koordiniert er die großen Beobachtungsprojekte der Vogelschutzorganisation BirdLife. Da so viele Menschen melden wie noch nie, häufen sich die Daten.

Haben die digitalen Möglichkeiten die Arbeit erleichtert? Nicht unbedingt. Anders sei sie geworden, meint Teufelbauer. "Wir haben mehr Information, aber somit auch vieles, was weniger interessant ist." Die Suche nach Ausreißern und Fehlern bleibe einem nicht erspart. Im Gegenteil. Qualitätssicherung ist das Um und Auf. "Durch die Menge an Daten ist mehr zu tun. Hinzu kommt, dass man technisch ständig up to date bleiben muss." Heißt: App-Stores füttern.

Jäger, Sammler, Spieler im Dienst der Naturwissenschaft

Ein kleiner Rückblick: Sommer 2016. An jeder Ecke ein Grüppchen. Alle auf der Suche nach seltenen Wesen. Vor knapp zwei Jahren trieb die Smartphone-App Pokémon Go Jung und Alt hinaus an die frische Luft. Der Hype hat sich inzwischen gelegt, aber eines bewiesen: Wir Menschen sind Jäger, Sammler und Spieler. Apps sind ein Glücksfall für die Wissenschaft. Ganz besonders für die Überwachung der Natur.

Schließlich können nur wenige Hobbys eine so lange Tradition vorweisen wie das Beobachten und Benennen von Vögeln oder das Sammeln von Käfern und Schmetterlingen. Dass deren Bestände rapide sinken, weiß heute fast schon jedes Kind: Bienensterben, Singvogelsterben, Insektensterben. Unschöne Wahrheit. Alle Hoffnung fahren lassen darf man freilich nicht. Parallel zum Artenverlust wachsen das öffentliche Interesse und die Datensätze. Weiß die Wissenschaft mehr über Ursachen, Problemzonen und stark bedrohte Arten, lässt sich der Schutz der Natur verbessern.

Wer bringt die neuen Daten auf? Apps mit fleißigen Usern

Während die meisten Apps die Daten ihrer User implizit und ungefragt anhäufen, haben solche wie "NaturaList" das Sammeln selbst zur Aufgabe gemacht. Die Anwendung erleichtert Vogelbeobachtern die Erfassung und leitet diese direkt an die Datenbank ornitho.at weiter. App und Plattform sind ein großer Erfolg, wie Norbert Teufelbauer betont: "Ornitho hat uns einen enormen Schub gegeben. Es läuft seit 2013 und wir haben jetzt vier Millionen Datensätze, das ist extrem viel." Inzwischen speisen zwischen 1.500 und 2.000 Personen regelmäßig Daten ein.

Dem Zählen von Bienen und Schmetterlingen widmeten sich jüngst Check-Apps der Umweltorganisation GLOBAL2000 und der Stiftung Blühendes Österreich. Letztere trägt den Namen "Schmetterlinge Österreichs" und erbrachte im Jahr 2017 exakt 26.010 Meldungen, mittlerweile sind es knapp 34.000. Die Sichtungen werden von Experten begutachtet und klassifiziert. So erhofft man sich Auskunft über Häufigkeit und Aufenthaltsorte gefährdeter und bedrohter Arten. Nebenbei lernen die fleißigen Freiwilligen mehr über ihre Umwelt und Maßnahmen zu Schutz und Pflege. Am Ende haben alle was davon: Forscher, Laien, Tiere. Eine vorbildliche Symbiose.

Käfer, Schmetterlinge, Falter, Libellen, Bienen, Hummeln und Vögel zeigen uns, wie es um den Zustand der Natur bestellt ist. Sie zählen -und werden darum gezählt. Nicht nur Wissenschafter, auch zahlreiche Hobbyornithologen und -entomologen beteiligen sich an der mühsamen Arbeit. Mehrmals im Jahr sind sie mit Fernrohr, Block und Bleistift unterwegs. Neuerdings auch mit ihren Smartphones. Immer auf der Suche, immer auf der Hut. Den Blick nach oben und nach unten gerichtet. Bloß nicht auf eines der kostbaren Nester von selten gewordenen Bodenbrütern wie Braunkehlchen oder Feldlerchen treten!

Werden freiwillige Helfer in die Forschung einbezogen, spricht man von Citizen Science. Florian Heigl und Daniel Dörler von der BOKU Wien sind die Gründer der Citizen-Science-Plattform "Österreich forscht". Wie wertvoll die Bürgerbeteiligung ist, zeige sich vor allem bei Langzeitstudien und solchen über große geografische Räume. Dass diese Art der Forschung auch im Wissenschaftsbetrieb anerkannt wird, verrät die Anzahl der peer-reviewed Artikel: "Zum Stichwort Citizen Science erscheinen jedes Jahr einige hundert", sagt Heigl. Gleich drei Aufsätze in Fachjournalen wurden etwa zum Wirbeltier-Monitoring-Projekt "Roadkill" publiziert. Bei diesem werden mittels App-Daten gefährliche Verkehrsstellen für Amphibien und Reptilien identifiziert.

Das Niveau der Projekte sei relativ hoch. Um die Qualität zu sichern und weiter zu steigern, hat die Plattform kürzlich einen Kriterienkatalog formuliert. Generell gelte eines: "Je transparenter und nachvollziehbarer die Methode ist, desto einfacher sind die Daten zu interpretieren."

Wen jetzt die Lust an der Forschung packt, der findet auf der Webseite von Citizen Science eine große Auswahl an Projekten. Je nach favorisierter Spezies heißt es meist identifizieren, wenn möglich fotografieren, zählen, verorten und beobachten. Also Daten anhäufen, welche die Wissenschaft anschließend analysiert.

Wie geht man mit den Daten der Laien um?"Einerseits kennen wir unsere Beobachtenden recht gut und müssen ihnen mitunter auch mitteilen, dass sie noch nicht gut genug sind und weiter lernen müssen", erklärt Norbert Teufelbauer. "Anderseits führen wir vor der Datenverarbeitung eine Fehlerprüfung durch. Dank unserer Erfahrung und Expertise erkennen wir, ob die Ergebnisse in den Rahmen passen, ob es Ausreißer gibt, oder ob seltene Arten falsch bestimmt wurden. Diese Faktoren rechnen wir anschließend in die Daten ein." Die Anforderungen variieren von Projekt zu Projekt.

Das Brutvogel-Monitoring ist das anspruchsvollste von allen. Dort zählt man über die Jahre hinweg für fünf Minuten an vorher definierten Zählpunkten. Klingt erst einmal nicht sonderlich schwierig, doch man müsse schon viele Vögel erkennen können, meint Teufelbauer. "Sowohl optisch als auch akustisch. Nach Gehör die Vogelrufe und Gesänge zuzuordnen, ist für manche Menschen ein Problem. Man hat keine Zeit, an einem Vogel 'herumzukauen', um seine Identität festzustellen."

Flächendeckendes Tier-Monitoring ist nicht möglich

Auch wenn die Methoden besser und die Datenmengen größer werden, basieren die Studien zu Vögel-und Insektenbeständen meist auf Hochrechnungen. Exakte Auskünfte wird es auch in Zukunft nicht geben, dafür sind die Studienobjekte zu zahlreich, die Ressourcen zu knapp. "Die Bestandsveränderung, das Monitoring ist flächendeckend einfach nicht möglich. Das ist ein zu großer Aufwand. Die Datenerfassung ist daher auf einzelne Punkte beschränkt", gibt Teufelbauer zu. Genügend viele und halbwegs gut verteilte Punkte würden jedoch qualifizierte Aussagen erlauben. Und da das Monitoring bereits seit zwanzig Jahren läuft, sind die Bestandsveränderungen eindeutig ersichtlich.

Ein anderes Projekt, der Brutvogelatlas, wird gerade mit aktuellen Daten gefüttert. "Bisher hatten wir nur Daten aus den 1980er Jahren. Hier arbeiten wir momentan an einer flächendeckenden Erfassung." Dazu wurde ganz Österreich in zehn mal zehn Kilometer große Raster eingeteilt. Für jeden davon soll eine vollständige Artenliste erstellt werden. "Das ist alles andere als punktuell", unterstreicht Teufelbauer.

In Deutschland, gemeinhin ein guter Indikator für österreichische Verhältnisse, soll die Zahl der Fluginsekten in den vergangenen 27 Jahren um bis zu achtzig Prozent zurückgegangen sein. Zu dieser Erkenntnis kam jüngst eine Studie der Radboud-Universität Nijmegen unter der Leitung des Zoologen Caspar Hallmann. Die alarmierende Zahl schlug Wellen. Nicht zuletzt, weil sich die Verfasser bei ihrer Auswertung auf die in langen Jahren zusammengetragenen Daten von Hobbyforschern des Entomologischen Vereins Krefeld stützten.

Der Fall zeigt: Ohne freiwillige Arbeit keine Resultate, keine Berichterstattung und erst recht keine Konsequenzen. Dass es sich bezahlt macht, beweist das Ende April beschlossene EU-weite Verbot bienenschädlicher Insektizide, der nervenangreifenden Neonicotinoide.

Links Citizen Science: citizen-science.at Online-Vogelbeobachtungsmeldesystem: ornitho.at

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