: WAS AM ENDE BLEIBT

David Lear

Erich Klein | aus HEUREKA /18 vom 30.05.2018

Biografien sogenannter großer Männer sind unter Historikern meist verpönt, erfreuen sich beim lesenden Publikum jedoch großer Beliebtheit. Tom Segevs achthundertseitiges, penibel recherchiertes Porträt von Israels Staatsgründer David Ben Gurion (1886-1973) ist die Ausnahme zur Bestätigung dieser Regel: eine Art "Krieg und Frieden" des Staates Israel. Der junge, in einer polnischen Kleinstadt aufgewachsene Zionist David Grün desertiert aus der Zarenarmee und flieht 1906 nach Palästina. Rasch gelingt ihm der Aufstieg vom Landarbeiter zum Journalisten und Chef der einflussreichen Gewerkschaft Histadrut.

Der leidenschaftlichen Tagebuchschreiber Ben Gurion sieht das zentrale Problem des Zionismus, das in hundert Jahren keine Lösung fand, sehr früh und sehr klar: Wem gehört das Land Israel?"Wir kommen nicht in ein menschenleeres Land, um es zu erobern, sondern wir kommen, um ein Land von dem Volk zu erobern, das es bewohnt." Und: "Alle sehen, dass die Judenfrage für die Araber schwierig ist, aber nicht alle sehen, dass es keine Lösung für diese Frage gibt." Es werde immer eine Kluft bleiben.

Den Aufstieg der Nazis sah Ben Gurion als Krieg gegen die zionistische Aufbauarbeit. In schrecklicher Vorahnung notiert er: "Fünf bis sechs Millionen Juden werden niedergewalzt werden." Nur ein Sieg über Nazideutschland werde die Juden, die dann noch lebten, retten. Vom Holocaust erfährt er erstmals 1942. Als er ein Jahr später den Augenzeugenbericht einer ehemaligen KZ-Insassin hört, bricht er in Tränen aus: "Und man ist völlig hilflos; kann nicht einmal toben vor Wut, und die Sonne scheint in aller Pracht."

Tom Segevs Buch enthält eine Reihe skandalöser neuer Archivfunde, darunter Ben Gurions Bemerkung über die Massenflucht der arabischen Bevölkerung im Vorfeld der israelischen Unabhängigkeitserklärung: "Es ist nicht unsere Aufgabe, für die Rückkehr der Araber zu sorgen." Nach der Ausrufung des Staates am 14. Mai 1948 notiert er: "Ich bin der Trauernde unter den Feiernden." Mit dem unmittelbar folgenden Unabhängigkeitskrieg beginnt eine anhaltende Serie von Kriegen. Im Juni 1963 tritt Ben Gurion endgültig von allen Staatsämtern zurück. Am Ende konstatiert Tom Segev: "In den zehn Jahren, die ihm danach noch zum Leben blieben, war er ein israelischer König Lear."

Tom Segev, David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis. Siedler Verlag 2018

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