: FREIBRIEF

Null-Resultate

Florian Freistetter | aus HEUREKA /18 vom 30.05.2018

Facebook &Co verkaufen unsere Daten -und keiner stört sich daran, weil niemand genau versteht, was dabei vorgeht. Überall gibt es Fake News. Impfgegner, Homöopathen und Klimawandelleugner machen der Wissenschaft das Leben schwer. Das Mittel dagegen lautet: Mehr Aufklärung! Mehr Bildung! Und vor allem: mehr Wissenschaftskommunikation. Die Forschenden müssen den Unsinn richtigstellen, der in der Welt existiert. Das fordert sich einfacher, als man es umsetzen kann. Unter anderem deswegen, weil viele Menschen nicht hören wollen, was die Wissenschaft zu sagen hat.

Nicht, weil sie dumm und ignorant sind, sondern weil die Geschichte, die Wissenschaft hier erzählen muss, unserem Sinn für ein gutes Narrativ widerspricht. Bei all diesen Themen muss man stets mit einem "Stimmt nicht! Deine Behauptung ist falsch!" anfangen. Kaum interessant und wenig fesselnd. Wissenschafter sollten das eigentlich wissen. In der Realität der Forschungsarbeit passiert es oft genug, dass man keine neue Entdeckung macht, sondern negative Resultate erhält. Die sind schwer zu publizieren. Alle wollen spektakuläre Schlagzeilen der Form "Neues Medikament entdeckt!" veröffentlichen. Niemand ist an Ergebnissen interessiert, die erklären, warum etwas nicht funktioniert, nicht vorhanden oder nicht richtig ist.

Diese Einstellung bei der Publikation von Forschungsergebnissen ist ein großes Problem. Unser Unwillen, solche "Null-Resultate" interessant zu finden, ist aber ein ebenso großes Problem für die Wissenschaftskommunikation. Denn bei der Aufklärung von Fake- News oder Pseudowissenschaft geht es genau darum: Man muss Null-Resultate kommunizieren: Astrologie funktioniert nicht. Impfgegner haben Unrecht. Der Klimawandel findet wirklich statt.

Alles korrekt, aber keine spannenden Geschichten. Deshalb hat es die Wissenschaftsvermittlung so schwer, wenn sie gegen den Unsinn in der Welt angehen möchte. Fake- News erzählen einfach die besseren Geschichten. Wenn Forschende dem etwas entgegensetzen wollen, müssen sie bessere Erzähler werden. Es würde sich lohnen, eine verpflichtende Vorlesung aus der Literaturwissenschaft ins Studium der Naturwissenschaften zu integrieren. Oder man liest mehr Romane!

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs. de/astrodicticuM-siMplex

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