Lückenhafte Erinnerung

Frauen waren in der Geschichte lange Zeit unsichtbar. Mittlerweile gibt es Geschlechtergeschichte

Text: Martina Nothnagel | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

Erinnerung geschieht nicht automatisch, sie wird gemacht", erklärt Marion Wittfeld. Sie ist Literatur-, Kultur-und Medienwissenschafterin sowie Obfrau von fernetzt, einem Verein zur Förderung junger Forschung über Frauen-und Geschlechtergeschichte. Wer erinnert, wer schreibt Geschichte - und an wen wird erinnert? Auf diese Fragen gab es über Jahrhunderte hinweg nur eine Antwort: Männer.

Geschichtswissenschaft und Geschichte ohne Frauen

Die moderne, wissenschaftliche Geschichtsschreibung beginnt im ausgehenden 18. Jahrhundert. Damals erschöpfte sich die Rolle der Frau in einem Dasein als Ehefrau, Hausfrau und Mutter -und zwar ausschließlich in diesen Rollen. Nun wurde Geschichte an Universitäten erforscht und gelehrt, aber ohne Frauen. Sie waren dort nicht zugelassen, als Studentinnen nicht und als Forscherinnen schon gar nicht. Die männliche Historikerzunft in einer männerdominierten Gesellschaft interessierte sich reichlich wenig für Frauen, weder fachlich noch kollegial. Sie wurden gleich doppelt marginalisiert: als Autorinnen und Akteurinnen der Geschichte. Das Ergebnis: "Eine von Männern gemachte Geschichte, in der Frauen fast unsichtbar waren", sagt Marion Wittfeld. Eine einseitige, unvollständige Geschichtsdarstellung und zuweilen eine schlichtweg falsche.

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür findet sich auf Birka, einer schwedischen Insel: Zahlreiche Siedlungsspuren und Bestattungen zeugen dort vom Leben der Wikingerzeit. Besonders spektakulär ist das Grab Bj 581. Bereits im 19. Jahrhundert entdeckt, galt dieser Fund als eine der bedeutendsten Kriegerbestattungen der Wikingerzeit. Prunkvolle Beigaben, darunter zahlreiche Waffen -zweifelsohne wurde hier eine militärische Führungsperson zur letzten Ruhe gebettet.

Dass es sich dabei um einen Mann handeln musste, verstand sich für die Forscher des 19. Jahrhunderts von selbst. Zweifel kamen erst über hundert Jahre später auf. Eine Wissenschafterin aus Stockholm untersuchte mit einer ganz anderen Fragestellung das Skelett des berühmten Kriegers -und wurde stutzig: War der Schädel nicht ungewöhnlich grazil für einen Mann, das Becken nicht verdächtig weiblich? Im Herbst des Jahres 2017 brachte eine DNA-Analyse Gewissheit: Der berühmte Krieger war eine Frau.

Die Frauenbewegung führte aus der reinen Männergeschichte

Diese sensationelle Entdeckung belegt nicht nur die Existenz hochrangiger Wikingerkriegerinnen, sie zeigt auch, wie fatal es sein kann, wenn Forscher sich von eigenen Stereotypen leiten lassen. Und wie sehr die jeweilige Gesellschaft stets auch unsere Vorstellungen der Vergangenheit bestimmt.

Ab den 1880er Jahren öffneten sich Europas Universitäten langsam für Frauen, etablieren aber konnte sich eine Geschichte von und über Frauen erst seit den 1970er Jahren. "Die Frauenbewegung gab den Anstoß, dass weibliche Geschichte, Frauen und ihre Leistungen gewürdigt und institutionalisiert, also auch an Universitäten erforscht werden", sagt Marion Wittfeld. Noch heute sei es wichtig "zu fragen, warum es überhaupt zu dieser männlichen Hegemonie in der Erinnerung kam, etwa um gegenwärtige Entwicklungen zu verstehen".

Auch Martina Gugglberger, assoziierte Professorin am Institut für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte der Universität Linz, betont die Bedeutung von Geschichte für die Gegenwart: "Geschlechterverhältnisse wie wir sie heute kennen, also die unterschiedlichen Rollen, die Männern und Frauen in der Gesellschaft zugeteilt werden, sind ja historisch gewachsen. Die Tatsache, dass Privates und Familie auch heute noch primär als Raum von Frauen gilt, während Öffentlichkeit und Politik immer noch tendenziell männlich konnotiert sind, ist ein Erbe des 19. Jahrhunderts."

Privater (weiblicher) Raum versus öffentliche Erinnerung

Privaten, also weiblich konnotierten Räumen, kommt auch heute noch ein vergleichsweise geringerer Stellenwert in der Erinnerungskultur zu. Nur langsam wird auch diesen Bereichen die gebührende Aufmerksamkeit gezollt. Gugglberger weiß von vergessenen Frauen, von lange Zeit unsichtbar gebliebenen weiblichen Handlungsfeldern. Sie hat unter anderem zu Frauen im Widerstand gegen das nationalsozialistische Regime in Oberösterreich geforscht: Nicht nur Männer, auch Frauen waren im Widerstand gegen das Regime der Nationalsozialisten aktiv. Im Gegensatz zu ihren männlichen Mitstreitern wurde jedoch den Tätigkeiten weiblicher Widerstandskämpfer lange Zeit keine Beachtung geschenkt.

Diese Frauen waren nicht im bewaffneten Widerstand, hatten keine führenden Positionen in der Bewegung inne. Sie handelten im Privaten, Alltäglichen. Sie besorgten Essen, überbrachten Nachrichten, gewährten Unterschlupf. "Das waren höchst politische Frauen", bekräftigt Gugglbeger. "Ohne sie, ohne ihre Tätigkeit, wäre ein Widerstand nicht möglich gewesen." Da er aber eben im Privaten und Alltäglichen stattfand, wurde ihr Beitrag bald vergessen, zum Teil sogar von ihnen selbst.

Worum geht es bei der Geschlechtergeschichte genau?

Erst seit Kurzem befasst sich die Forschung auch mit diesen couragierten Frauen, beginnt man, auch sie in der Erinnerungskultur zu würdigen. In der Frauen-und Geschlechtergeschichte geht es nicht darum, im Gegenzug für jahrhundertelange Unsichtbarkeit Männer auszublenden. Geschichte ohne Männer gibt es schließlich ebenso wenig wie Geschichte ohne Frauen. Martina Gugglberger spricht daher auch explizit von "Geschlechtergeschichte". Ihr Anliegen sei es, "dass Geschlecht generell in die Erinnerungskultur Eingang findet". Bei diesem Ansatz geht es um "Geschlecht als Forschungsperspektive, aber auch als Perspektive im Alltag", wie sie erklärt. Es wird nach Geschlechterverhältnissen gefragt, danach, wie Geschlecht konstruiert wird -das weibliche wie das männliche. "Es geht nicht darum, dass zu fünfzig männlichen Statuen jetzt auch fünfzig weibliche Statuen hinzukommen müssen", schmunzelt die Linzer Forscherin. Geschlecht wird in erster Linie als Beziehung verstanden, nicht als Auswahlkriterium. Auf die Männer wird keinesfalls vergessen.

Seit den 1980er Jahren entwickelt sich Frauen-und Geschlechtergeschichte als international expandierendes Forschungsfeld. Auch in Österreich befasst sich eine Vielzahl an Forschungsprojekten mit diesem Thema. "Es gibt schon sehr viel", bestätigt Marion Wittfeld. "Es ist aber auch noch viel zu tun", fügt sie nach einer kurzen Pause hinzu. "Aus meiner Sicht wäre es sehr positiv, wenn auch abseits der Frauenund Geschlechtergeschichte das Leben, die Handlungsräume und die Rollen von Frauen in der Geschichte stärker fokussiert würden. Fächerübergreifend ist das noch nicht Status quo."

Worum geht es bei der Geschlechtergeschichte genau?

Martina Gugglberger sieht das ähnlich: "Es hat sich einiges getan. Aber das Einbeziehen der Kategorie Geschlecht in die Geschichtsforschung ist noch lange nicht selbstverständlich. Das zeigt sich auch daran, dass man immer noch Geschlechtergeschichte dazuschreiben muss. Selbstverständlich ist es für mich dann, wenn man es nicht mehr explizit erwähnen muss."

Marion Wittfeld liegt neben der stärkeren institutionellen Verankerung der Frauenund Geschlechtergeschichte oder dem Aufbrechen der gläsernen Decke für Frauen in akademischen Führungspositionen vor allem ein weiterer Punkt am Herzen: "Der Kampf gegen Sexismus." Der auch heute noch herrschende Sexismus hat, wie sie meint, "viel mit der Objektmachung von Frauen zu tun. Sei es in der Werbung, den Medien oder eben auch in der Geschichtsschreibung, in der Frauen lange Zeit nicht als handelnde Individuen wahrgenommen wurden."

Essenziell sei es aber auch, "das bereits Erreichte zu betrachten. Um eben nicht auf die Propaganda jener rechten oder rechtspopulistischen Parteien hereinzufallen, die wieder zurück möchten zu einem reaktionären Frauenbild und der Unsichtbarmachung von Frauen."

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