Wessen Republik?

Das Erinnern an die Geschichte der Republik unterliegt dem politischen Konflikt der Parteien

Text: Sophie Hanak | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

Was ist das Neue am Gedenkjahr 2018? "Noch nie wurden 1918 und 1938, die beiden zentralen Daten der österreichischen Zeitgeschichte, in dieser Form miteinander verschränkt", sagt Heidemarie Uhl, Historikerin an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. 1918 ist heute ein Anlass, hundert Jahre Republik Österreich zu feiern, doch in der Ersten Republik und auch nach 1945 war das Verhältnis zu diesem Datum ambivalent. Lange waren sich SPÖ und ÖVP uneinig, ob der 12. November 1918 als Tag der Gründung von Republik und Demokratie bejubelt oder aber als Tag des Untergangs des Habsburgerreiches betrauert werden soll. "Erst 1968, zum 50. Jahrestag, wurde das Jubiläum der Republikgründung mit großangelegten Feierlichkeiten von beiden Großparteien gemeinsam begangen", sagt Uhl.

Die Aufmerksamkeit für 1918 ist aber nicht nur der runden Zahl geschuldet. Angesichts der Gefährdung demokratischer Grundwerte in Europa (und darüber hinaus) wird das Jahr 1918 in neuem Licht gesehen. Als zentrale Errungenschaft gilt die Durchsetzung einer parlamentarisch-demokratischen Gesellschaftsordnung. Der Aufstieg autoritär-diktatorischer Bewegungen in den 1930er Jahren bis zur Machtübernahme der Nationalsozialisten beim "Anschluss" 1938 führt vor, wie verletzlich die Demokratie ist. "Auch gegenwärtig ist der Aufstieg rechtspopulistischer, rassistischer Bewegungen eine massive Herausforderung liberal-demokratischer Grundwerte. Wir stehen erneut vor der Frage, wie können wir die Errungenschaften der Demokratie im kollektiven Bewusstsein verankern und politisch verteidigen", so Uhl.

Ein zentraler Ort dafür soll das Haus der Geschichte Österreichs sein, das erste zeitgeschichtliche Museum der Republik. Eröffnet wird es am 10. November 2018. Es werden auch die Ergebnisse der Studie zu den geschichtspolitischen Debatten im Jubiläums-und Gedenkjahr 2018 vorgestellt, die Uhl mit Karin Liebhart und Petra Bernhardt (beide Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien) und dem ACDH Austrian Centre for Digital Humanities der ÖAW durchführt.

Österreich erinnert sich spät

Österreich hat erst begonnen, die Verbrechen der Nationalsozialisten zu bekennen. "Jene Menschen, die während der NS-Zeit Opfer waren, haben sich natürlich immer an die schrecklichen Erlebnisse erinnert. Doch sie wurden nur von Gleichgesinnten gehört", sagt Werner Dreier, Geschäftsführer von erinnern.at. Dieser Verein unterstützt die Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust im Bildungswesen. Lange Zeit wurde an den Schulen über die Erfahrungen der Verfolgten geschwiegen. "Es wurde natürlich über den Krieg berichtet, jedoch in einer ganz anderen Form und über andere Themen, etwa über die russische Kriegsgefangenschaft", so Dreier. Mit dem Abtreten der Weltkriegsgeneration hat sich das Erinnern geändert. "Auch das Verhalten der Schüler hat sich verändert. Die jüngere Generation kann mit dem Thema unbefangener umgehen. Vor etwa zwanzig Jahren hatten die Kinder der Erfahrungsgeneration noch viel Last mit sich herumtragen müssen."

erinnern.at bietet eine Handy-App mit dem Titel "Fliehen vor dem Holocaust. Meine Begegnung mit Geflüchteten." Sie soll Jugendlichen Zugang zu den historischen Erfahrungen der Verfolgten ermöglichen. Man kann eine bestimmte Person, die während des Zweiten Weltkriegs fliehen musste, auswählen und verschiedene Aspekte ihres Lebens und ihrer Flucht erfahren.

Wie sich Wien an die NS-Zeit erinnert

Mit einer analogen Form des Erinnerns befasst sich das Forschungsprojekt "Politics of Remembrance and the Transition of Public Spaces. A Political and Social Analysis of Vienna"(POREM). Politikwissenschafter, Historiker, eine Kulturanthropologin, eine Landschaftsplanerin und ein Landschaftsplaner untersuchen, wie in Wien in (teilöffentlichen Räumen seit 1945 an die politische Gewalt während des Austrofaschismus und des Nationalsozialismus erinnert wurde. "Wir haben etwa 1.800 thematisch relevante, permanente Erinnerungszeichen wie Denkmäler, Gedenktafeln, Ausstellungen etc., die seit 1945 in Wien etabliert wurden, in einer Datenbank erfasst und in der interaktiven, englischsprachigen, digitalen Karte www.porem.wien dargestellt. 47 Prozent dieser Erinnerungszeichen wurden in den vergangenen zehn Jahren errichtet. Wir haben zwischen Zeichen, die an politische Gewalt erinnern, und Zeichen, die politische Gewalt dethematisieren, unterschieden", erzählt Peter Pirker vom Institut für Staatswissenschaften der Universität Wien. Im Rahmen von Wien Geschichte Wiki soll eine digitale Karte erscheinen, die alle Erinnerungszeichen seit 1945 beschreibt.

Die Wiener Erinnerungsspraxis ist durch das Hinzufügen und nicht durch das Entfernen oder Überschreiben von Erinnerungszeichen bestimmt. Die Forscher sprechen von einem urbanen "Me-Moiré", das aus insgesamt sechs raum-zeitlichen Schichten von Erinnerungszeichen besteht, die unterschiedliche Kulturen des Erinnerns repräsentieren.

Erst in der letzten Schicht, die seit etwa 2006 entstanden ist, dominiert die Erinnerung an die Shoah. Im politischen und kulturellen Zentrum der Stadt zwischen erstem, neuntem und zweitem Bezirk ist diese Vielfalt an Erinnerungszeichen besonders deutlich. Auch in Floridsdorf und am Zentralfriedhof gibt es Zonen durchgehender Memorialisierung politischer Gewalt.

"Die Stadt Wien hat in den vergangenen zwanzig Jahren wichtige Impulse gesetzt, etwa das Deserteursdenkmal, das Mahnmal Aspangbahnhof, oder das Wiesenthal-Institut. Insgesamt ist die Erinnerungspolitik jedoch selektiv, punktuell und reaktiv, vor allem seitens des Bundes. Es fehlt eine Strategie, wie die Erinnerung an die NS-Gewalt in der Stadt nach dem Verschwinden der Erlebnisgeneration weiterentwickelt werden soll", sagt Pirker. Ein Gesamtkonzept müsste auch stärker demokratisch verhandelt werden, als dies in der Erinnerungspolitik bisher üblich war.

Erinnern als Mitmachaktion

Die Studie zeigt, dass für die Wahrnehmung von Erinnerungszeichen eine kontinuierliche Beteiligung der Zivilgesellschaft notwendig ist. Daran orientiert sich ein Projekt der deutschen Künstlerin Margarete Rabow. "Schreiben gegen das Vergessen" findet vom 21. bis zum 28. Juni auf der Prater Hauptallee statt. "Für viele Menschen ist das Verdrängen eine Strategie, um sich nicht an die schrecklichen Erlebnisse erinnern zu müssen. Doch diese Geheimnisse werden an die Nachkommen weitergegeben. Ich selbst habe immer gespürt, dass ich etwas mit mir herumschleppe, bis ich dann einmal als Teenager meinen Vater gefragt habe, was er denn im Krieg gemacht hat, und er mir erzählte, welch schreckliche Dinge er als Jude erlebt hat", sagt Rabow. "Ich wollte nicht mit der Verdrängung leben. Mein Vater konnte das nicht verstehen und fragte immer wieder, warum ich so oft nach Buchenwald fahre." Rabows Großvater war nach der sogenannte Judenaktion nach dem Novemberpogrom 1938 in Buchenwald inhaftiert.

Ursprünglich sollte die Aktion auf der Wiener Ringstraße durchgeführt werden. Sie wäre so nie gebaut worden, hätten nicht viele jüdische Investoren ihr Geld dafür eingesetzt. Der Plan scheiterte an verkehrstechnischen Problemen. Nun werden auf dem Asphalt der Prater Hauptallee unter freiwilliger Mitwirkung der Bevölkerung jene Namen der 66.000 Juden und Jüdinnen aufgeschrieben, die in Österreich während des nationalsozialistischen Terrors umgebracht wurden.

Zum Schreiben wird Kreide verwendet. Sie dürfte bald durch die Sonne verblassen oder vom Regen weggeschwemmt werden. Daher wird ein Film gedreht, in dem jeder einzelne Namen zu sehen sein wird. Auch wenn die Namen auf der Allee nach und nach verschwinden werden, bleiben sie doch auf Film erhalten. "Erinnern ist ein ganz wichtiger Teil von Trauer", meint Rabow. "Daher soll um diese Menschen getrauert werden. An unserem Projekt können bis zu tausend Menschen mitmachen. Und viele werden sie beim Niederschreiben der Namen beobachten -das hat schon eine unglaubliche Wirkung."

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