Verinnern

Christian Zillner | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

Wolgograd im Juni 2018. Fußball-WM-Spiel England gegen Marokko. Der deutsche Fußballkommentator bereitet das Publikum auf das Spiel vor. Im Zuge seiner Erklärungen erinnert er daran, dass die Stadt einst Stalingrad hieß und die Deutschen hier Hunderttausende Menschen umgebracht haben.

Weder steht die deutsche Nationalmannschaft am Rasen noch hat das Ganze mit Deutschland zu tun. Aber die deutsche Erinnerung ist so ernst wie einst der Eroberungswille. Im Territorium der Erinnerung halten "die Deutschen", zu denen auch verschämte Ostmärker zählen, Europa noch immer besetzt.

Wien im November 2018. Da werden wir an die Pogromnacht am 9. November 1938 erinnert werden. Damals wurden in der Stadt rund hundert Synagogen und Betstuben von eifrigen Ostmärkern zerstört, 27 jüdische Mitbürgerinnen und -bürger ermordet, 88 verletzt und 6.500 von ostmärkischen Organen verhaftet. Im Projekt "OT" des Jüdischen Museums Wien wird mit Lichtinstallationen der Künstlerin Brigitte Kowanz dieser Wiener Schandtat gedacht. Viele fürchten, mit dem Sterben der letzten Zeitzeugen des Holocaust werde auch die Erinnerung daran schwächer. Das fürchte ich nicht. Aber Erinnerung hat uns noch nie davon abgehalten, einander die größten Grausamkeiten anzutun.

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