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Mehr als Physik

Florian Freistetter | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

"Philosophie ist tot", meinte der mittlerweile verstorbene Physiker Stephen Hawking. Andere Naturwissenschafter sehen auch keinen Sinn in einer philosophischen Betrachtung ihrer Arbeit. Die Trennung der Disziplinen ist heute stärker denn je. Zum Teil zu Recht, denn Antworten auf die "großen Fragen" wie nach dem Ursprung von Allem oder der Entstehung der Menschheit und unserer Zukunft zu finden, traut man heute eher der Physik, der Biologie und den anderen "harten" Disziplinen zu als der unverbindlicheren Geisteswissenschaft.

Trotzdem brauchen Natur-und Geisteswissenschaft einander, wie Carlo Rovelli, theoretischer Physiker und Mitbegründer der Schleifenquantengravitation, kürzlich in einem Aufsatz dargelegt hat. Das gilt für die Philosophie, aber noch viel mehr für die Wissenschaftsgeschichte. Wer heute neue Elementarteilchen entdecken will, mit CRISPR die Gene von Lebewesen erforscht, oder auf die Suche nach habitablen Planeten anderer Sterne geht, kann das natürlich problemlos tun, ohne sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Aber will man die Resultate der Forschung (oder ihr Ausbleiben) entsprechend einordnen, muss man sich mit der Geschichte befassen. Wissenschaftliche Erkenntnisse kommen nie aus dem Nichts, sie bauen immer auf dem auf, was zuvor erforscht und verstanden wurde. Nur im Kontext der Geschichte lässt sich wirklich verstehen, wohin uns die neuen Ergebnisse und Entdeckungen leiten können. Und nur im Kontext der Geschichte kann man komplexe Forschung auch so zusammenfassen, dass sie für die Öffentlichkeit verständlich und interessant wird.

Es liegt in der Natur der Wissenschaft, dass sie auf der Suche nach Neuland ist, nach Antworten auf Fragen, die noch nie beantwortet wurden. Man will Dinge sehen, die noch jemand zuvor gesehen hat und Phänomene verstehen, die bisher unverständlich waren. Die Wissenschaft muss nach vorne blicken, wenn sie erfolgreich sein will. Will sie aber auch weiterhin Teil der gesamten Gesellschaft bleiben, dann benötigt sie auch den Blick in die Vergangenheit. Die Geschichte erklärt, wie wir wurden, was wir sind. Die Naturwissenschaft sagt uns, was wir werden können. Nur zusammen können beide ihr volles Potenzial entfalten.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs. de/astrodicticuM-siMplex

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