: ZEITGESCHICHTE

Großbritannien: Mohnblumen in Gedenken an den Ersten Weltkrieg

Die Insel ist für ihre Erinnerungskultur bekannt. Kaum etwas seit der Steinzeit, an das dort nicht ausführlich erinnert wird. In diesem Jahr helfen insgesamt 1.400 Glöckner mit ihren Glocken dem Gedenken aus

Sophie Jaeger | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

Jahr für Jahr stecken sich Millionen Briten und Britinnen jeden Alters Anfang November eine Klatschmohnblüte aus Papier ans Revers. Zum Gedenken an die Opfer bewaffneter Konflikte und insbesondere der beiden Weltkriege wird am Remembrance Day am 11. November sowie am Remembrance Sunday (2. Sonntag im November) die rote " Remembrance Poppy"(Erinnerungs-Mohnblume) getragen. Ursprünglich aus den Vereinigten Staaten stammend, verbreitete sich die Ansteckblume nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs durch Aktionen der Veteranenvereine auch im Vereinigten Königreich und in den Commonwealth-Staaten, dem damaligen Empire. Die Symbolhaftigkeit der roten Mohnblüte geht auf ein Gedicht eines in Frankreich stationierten Soldaten zurück: Als 1914 auf den zerbombten Feldern in Nordfrankreich der rote Klatschmohn trotz aller Zerstörung in voller Blüte stand, schrieb der Kanadier John McCrae das dreistrophige Gedicht "In Flanders Fields", in dem er seine Impressionen der Mohnfelder nach den Schlachten verarbeitet.

Erinnerung an den Tag des Waffenstillstands 1918

Der Feiertag am 11. November, umgangssprachlich oft als Poppy Day bezeichnet, wurde nach dem Ende des Ersten Weltkriegs als Armistice Day (Waffenstillstandstag) eingeführt und gedenkt dem am 11. November 1918 unterzeichneten Waffenstillstand von Compiègne. Dieser Waffenstillstand, unterzeichnet in einem Eisenbahnsalonwagen von Vertretern Großbritanniens, Frankreichs und des Deutschen Reichs, beendete die Kampfhandlungen des Ersten Weltkriegs und bereitete den Weg für die Pariser Friedenskonferenz von 1918 und die darauffolgenden Friedensverträge zur Aufhebung des Kriegszustandes zwischen den Beteiligten.

Mohnblumenkränze zur Erinnerung an die Kriegstoten

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Feiertag in Remembrance Day umbenannt, und seither wird am 11. November sämtlichen Gefallenen bewaffneter Konflikte mit Beteiligung Großbritanniens gedacht. Am darauffolgenden Sonntag, dem sogenannten Remembrance Sunday, findet in London die traditionelle Kranzniederlegung am Kenotaphen, dem Denkmal für den unbekannten Soldaten, statt. Königin, Premierministerin sowie die höchsten diplomatischen Vertreter der Commonwealth-Staaten legen nach einer zweiminütigen Stille im Rahmen einer Zeremonie Mohnblumenkränze nieder. Darbietungen unterschiedlicher Militärmusikkapellen umrahmen musikalische die Feierlichkeiten, und zum Abschluss findet jedes Jahr eine große Veteranenparade der Royal British Legion statt. Die Parade führt ebenfalls am Kenotaphen in Whitehall vorbei, auch werden wiederum zahlreiche Kränze niedergelegt.

Keramikblumen zur Erinnerung und die Kritik daran

Die ohnehin bereits omnipräsente Poppy, als Ansteckblume oder in Kränzen, hatte im Rahmen der Gedenkfeiern zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs im Jahr 2014 einen besonders großen Auftritt: Im Rahmen des Kunstprojekts "Blood Swept Lands and Seas of Red" wurden im Graben des Tower of London tausende rote Mohnblumen aus Keramik installiert. Die letzten der 888.246 Blumen, die symbolisch für britischen Opfer des Ersten Weltkriegs stehen, wurden vom damaligen Premierminister David Cameron am Vorabend des Remembrance Day 2014 hinzugefügt. Obwohl die Installation Millionen Besucher anzog und sogar eine Unterschriftensammlung gestartet wurde, um den Abbau der Keramikblumen zu verschieben, war das Projekt der britischen Künstler Paul Cummins und Tom Piper nicht unumstritten. Jonathan Jones, Kunstkritiker der britischen Tageszeitung The Guardian, bezeichnete das Kunstwerk als "banal und selbstbezogen". Besonders stieß sich der Kritiker an der Ästhetik des Kunstwerks, die mit einem grausamen und sinnlosen Krieg nichts gemein habe: "Ein bedeutsames Denkmal für einen solchen Horror kann nicht ehrwürdig oder hübsch sein. [ ] Der Graben des Towers sollte mit Stacheldraht und Knochen gefüllt sein. Das würde etwas bedeuten."

Glockenklänge über der britischen Insel

Trotz aller Kritik sind die Keramikblumen auch in diesem Jahr bei den Gedenkveranstaltungen präsent: Die beiden Filialen des Imperial War Museums in London und Manchester zeigen jeweils Teile der Installation im Rahmen ihrer Ausstellungen zum Gedenkjahr 2018. Zusätzlich ist das Jahr geprägt von eigens produzierten Dokumentationen der BBC, die laufend veröffentlicht werden und den Verlauf des Ersten Weltkriegs aufarbeiten. Staatliche Förderungen ermöglichen am Remembrance Sunday ein Glockenspektakel mit 1.400 Glöcknern, die sämtliche Glocken Londons wie am Ende des Ersten Weltkriegs zum Klingen bringen werden. Den Abschluss der Feierlichkeiten bildet wie jedes Jahr die Parade der Veteranen, die heuer weitaus größer angelegt wird als in den Jahren zuvor.

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