: JUNGFORSCHER

Am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien forschen diese drei zu internationaler Politik und gesellschaftlichem Wandel

Uschi Sorz | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

Etienne Schneider, 29 An die Zeit vor dem Euro kann er sich dunkel erinnern. "Lange hatte ich die Vorstellung, Europa wachse zusammen", sagt der Berliner, der in Wien seinen Master in Politikwissenschaft gemacht hat. "Stattdessen geriet der Integrationsprozess von einer Krise in die nächste." Als er sich 2015 für das besonders krisengebeutelte Griechenland engagierte, wurde er bald in seinem Glauben an "ein kleines Fenster der Möglichkeit für eine solidarische Entwicklung" erschüttert. "Gegen die ökonomisch stärksten Länder lässt sich kein wirtschaftspolitischer Kurswechsel durchsetzen." In seiner Dissertation erforscht er darum, welche Entwicklungsprozesse und Interessen hinter der deutschen Position in der europäischen Wirtschaftsintegration stehen. "Und ich möchte herausfinden, welche Spielräume für Alternativen trotzdem bleiben."

Katja Chmilewski, 31 "Ich möchte gesellschaftliche Entwicklungen verstehen", sagt die gebürtige Hamburgerin über politikwissenschaftliches Denken. Das Fach hat sie zuerst in Marburg, dann in Wien studiert. Nun nimmt sie für ihre Dissertation Mobilisierungsprozesse am Beispiel eines Arbeitskampfes von Pflegepersonal in Deutschland unter die Lupe. "Mich interessiert die Frage, wie sich die Entstehung von sozialem Protest bzw. eines Streiks erklären lässt." Welche Rolle spielen Gefühle dabei? Und welche neuen Formen von Arbeitskämpfen entstehen vor dem Hintergrund sich wandelnder Arbeitsverhältnisse? In ihrer Arbeit bringt Chmilewski verschiedene Debatten zusammen, wie etwa die feministische, sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem mobilisierenden und demobilisierenden Potenzial von Affekt und Emotionen.

Tobias Boos, 32 2007 kam der Kölner nach Wien, um internationale Entwicklung und Politikwissenschaft zu studieren. Er erforscht den gesellschaftlichen Wandel und linke Regierungen in Lateinamerika in den letzten zwanzig Jahren. Seine Dissertation dreht sich um das komplexe Verhältnis von Mittelklasse und Populismus, speziell während der Kirchner-Regierungen in Argentinien. "Die Annahme, dass die Mittelklasse aufgrund moralischer Werte eine demokratisierende Kraft sei, wird wenig hinterfragt. Ich sehe mir deren Motive für die Unterstützung der Kirchners näher an." Etwa das Selbstbild, sich uneigennützig für fortschrittliche Projekte einzusetzen. "Sie hat ökonomisch stark profitiert, z. B. durch Verbesserungen im Bildungs-und Wissenschaftsbereich." Der Marietta-Blau-Stipendiat forscht in Quito, London und Madrid.

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