: WASSERWISSENSCHAFT

Medikamente im Wasser

Die Hydrobiologin Elisabeth-Bondar-Kunze über das Problem von Arzneimittelwirkstoffen

Barbara Freitag | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

Diclofenac ist einer der Wirkstoffe, der als Rückstand in Gewässern nachgewiesen wurde. Welche gibt es noch?

Elisabeth Bondar-Kunze: EU-weit sind mehr als 3.000 Wirkstoffe für medizinische Zwecke zugelassen: Schmerzmittel, Entzündungshemmer, Antibiotika, hormonelle Verhütungsmittel oder Zytostatika für Chemotherapien. Eine generelle Aussage über die Gefährlichkeit dieser Substanzen ist schwierig, da es nicht nur auf die Konzentration jedes einzelnen Wirkstoffes ankommt, sondern auch, wie sie in Kombination wirken und welche Wechselwirkungen entstehen können. Eine Rolle spielt auch, wie oft und wie lange diese Stoffe ins Wasser gelangen und wie die Temperatur beschaffen ist. Auch der genaue Ort, denn es macht einen Unterschied, ob die Substanz direkt im Wasser gelöst oder am Boden oder im Sediment eines Gewässers vorkommt

Gibt es bekannte Gefahren für Mensch, Flora und Fauna?

Bondar-Kunze: Arzneimittel und Pestizide wirken für viele Organismen, einschließlich Bakterien, Pilzen und Parasiten, toxisch. Amphibien waren eine der ersten Organismengruppen, für die Auswirkungen von Antibabypillen nachgewiesen wurden. Seit 2015 wissen wir etwa, dass es durch Ethinylestradiol bei heimischen Laubfröschen und Wechselkröten zur sogenannten "Verweiblichung" der männlichen Tiere kommen kann. Dieses Phänomen kann Mitschuld am weltweiten Amphibiensterben haben.

Wie kommt das alles in die Gewässer?

Bondar-Kunze: Die Rückstände können natürlich schon während des Herstellungsprozesses der Substanzen in Oberflächengewässer gelangen. Bei Menschen werden siebzig Prozent des Wirkstoffes Diclofenac über den Urin an die Umwelt abgegeben. Antibiotika zur Behandlung von Fischen oder Garnelen in der Aquakultur werden direkt in Oberflächengewässer freigesetzt. Tierarzneimittel kommen durch Weidetiere in Böden oder Gewässer. Bei intensiver Tierhaltung können diese Arzneimittel durch Jauche in die Umwelt gelangen. Einmal in der Umwelt, können sie von Mikroorganismen ab-oder umgebaut werden. Einige Abbauprodukte haben aber eine ähnliche Toxizität wie ihre Ausgangsverbindungen.

Kann man die Gewässer mittels Kläranlagen säubern?

Bondar-Kunze: Arzneimittelrückstände können aus den Abwässern entfernt werden, wenn sie durch physikalische Prozesse, biologischen Abbau oder chemische Reaktionen behandelt werden. Es braucht also eine Reihe von Maßnahmen.

Besteht Gefahr für das Trinkwasser?

Bodnar-Kunze: Es finden regelmäßig Sondermessprogramme in Österreich statt. Im Jahr 2014 wurden fünfzig Grundwassermessstellen auf Rückstände von Antibiotika, Zuckerzusatzstoffen, Industriechemikalien und Arzneimitteln untersucht. Das Resultat waren vernachlässigbare Konzentrationen. Trotzdem sollten die Eintragsquellen abgeklärt werden, denn es kann Wechselwirkungen mit anderen Stoffen geben.

Was soll man machen oder vermeiden?

Bodnar-Kunze: Gesundheits-und Umweltpolitik sollten stärker kooperieren, um etwa Dosierungen anzupassen und die Verwendung in Hinblick auf die Umweltwirkung zu optimieren. Jeder Einzelne kann natürlich auch überlegen, ob bei jedem Schnupfen Schmerzmittel nötig sind, wie viele und welche Körperpflegeprodukte man verwendet, oder wie man Schädlingen im Garten begegnet.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige