So groß war der Hass!

Erinnerungen des "Sozis" Heinz Kienzl, der die Zweite Republik mitaufgebaut hat

Text: Erich Klein | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

Heinz Kienzl, geboren 1922 in Wien, Gewerkschafter und Bankmanager in der Zweiten Republik, war stets ein leidenschaftlicher "Sozialpartner". Schmerzhafte Niederlagen erfuhr der "Sozi", wie er sich selbst nennt, als Befürworter des AKW Zwentendorf und des Kraftwerks Hainburg. Im Rückblick sagt der Sechsundneunzigjährige: "Ich stelle eine kühne Behauptung auf: Meine Generation hat es richtig gemacht! Die Erste Republik endete 1938 mit einer schrecklichen Bruchlandung. Die Zweite Republik begann mit Hunger und fürchterlicher Inflation. Aber dann haben wir es zusammengebracht.

Mein Vater war im Ersten Weltkrieg eingerückt. Welchen Hass er auf den Kaiser hatte, habe ich in seinen Tagebüchern nachgelesen.,Dieser lebende Leichnam hat uns junge Männer an die Front geschickt', hieß es da, oder: ,Lieber tot, denn als Krüppel zurückkommen.' Er kam mit einer leichten Gasvergiftung zurück. Nach dem Krieg hatte er eine eigene Drogerie in Sandleiten1, ging aber in der Weltwirtschaftskrise in Konkurs. Die Leute konnten ja nicht einmal Klopapier kaufen. Wir sind bei Petroleumlicht gesessen. Einmal wollte die Mutter verheimlichen, dass sie Pferdefleisch gekauft hatte. Der Vater kam darauf.

Die Volksschule besuchte ich in der Roterdschule. Wir Buben vom Sandleitenhof hatten unsere Raufereien, oder wir sangen auf der Gstetten, wo sich jetzt der Kongresspark befindet:,Brüder zur Sonne, zur Freiheit' 2 Bevor ich in die Mittelschule in der Maroltingergasse kam, war ich ein Jahr in der Hauptschule. Dort lernte ich noch die erste Bundeshymne aus der Zeit Karl Renners: ,Deutschösterreich, du herrliches Land, wir lieben dich!' Später kamen dann ,Sei gesegnet ohne Ende, Heimaterde wunderhold!' und ,Deutschland, Deutschland über alles', und erst danach unsere heutige Bundeshymne.

An die Schießerei im 1934er Jahr erinnere ich mich noch genau: Neugieriger Bub, der ich war, schaue ich beim Fenster hinaus und sehe gegenüber beim sogenannten Hochhaus, wie der Vater von meinem Freund Sieber auf die Polizei hinunterschießt. Er wurde verhaftet, kam als Schutzbündler nach Wöllersdorf3 und als Nazi wieder zurück. Aus lauter Wut auf die Vaterländische Front sind viele Sozis zu den Nazis übergelaufen.

Als Dollfuss ermordet wurde, sagten alte Sozialisten, die Schutzbündler hätten ihn umgebracht. Erst später erfuhr ich, dass ihn die Nationalsozialisten ermordet hatten. Schon der Umstand, dass man so dachte, zeigt, wie groß der Hass war.

Die Bilder vom März 1938 sind so eine Sache. Wie in jeder Diktatur hatten sie Angst, ob genügend Leute hinkommen. So führte uns der Lehrer zum Heldenplatz. Als wir ankamen, war alles voller Menschen. Wir kletterten auf die Ringstraßenbäume, ich sah das Ganze von dort. ,Da Kurt is furt' 4, war die Parole der Wiener Nazis. Die Stimmung nach dem Anschluss war: Jetzt ist alles anders, wir sind bei einem großen Reich, wir haben Arbeit. Einige Wochen nach Kriegsbeginn hörte man in der Sandleiten schon: ,Der Kasper ist gefallen' - ein Bub von dort. Mit Kriegsbeginn waren alle Hoffnungen und Sympathien weg. Das hat dem Nazi-Spuk den Nimbus genommen. Die Lehrer hatten den Krieg gepriesen und die Buben aufgehetzt. Alle machten noch schnell die Kriegsmatura. Wir waren fünfundzwanzig in der Klasse, achtzehn sind freiwillig eingerückt. Sechs haben den Krieg überlebt.

Von der ,Kristallnacht' im November 1938 habe ich nichts mitbekommen. Soweit ich weiß, gab es in Sandleiten keine Ausschreitungen. Meine Mutter stammte aus einer jüdischen Familie, wollte aber mit dem Judentum nichts zu tun haben.

Meine Familie hatte ein komisches Glück. Im Ersten Weltkrieg hatte mein Vater einen gewissen Auinger an der Dolomitenfront gerettet. In der Schuschnigg-Zeit war dieser Polizeikommissär in Ottakring, und nach dem Jahr 1938 entpuppte er sich als großer Nationalsozialist. Er hielt eine schützende Hand über meine Mutter.

Was in den Konzentrationslagern passierte, wussten wir von einer Freundin meiner Mutter, die aus Ravensbrück zurückgekommen war. Es gab einen bekannten Spruch: ,Lieber Gott mach mich stumm, dass ich nicht nach Dachau kumm. Lieber Gott mach mich taub, dass ich alle Lügen glaub.'

Es gab in Sandleiten einen Tapezierer, der eines Tages verschwunden war. Und dann war noch ein Bekannter meines Vaters. Der hatte uns gebeten, in seine Wohnung zu kommen, weil er in der nächsten Woche nach Polen abtransportiert würde. Er sagte, lieber gibt er uns die Bücher als den Nationalsozialisten. Er hieß übrigens Deutsch.

Ich konnte im Jahr 1940 gerade noch maturieren und sogar ein Semester an der Hochschule für Welthandel inskribieren. Dann wurde ich zur Technischen Nothilfe5 eingezogen. Für diesen Verein wurde die Ersatzreserve zusammengekratzt: Wiener Tschechen, ehemalige Fremdenlegionäre, jugendliche Asoziale, rassisch nicht ganz Einwandfreie wie ich.

Mein erster Einsatzort war in der Leystraße. Wir mussten Schienen, Stahlträger und Bleche aussortieren. Trümmerreste, die nach den ersten Bombenangriffen im Ruhrgebiet per Bahn nach Wien gebracht worden waren. Eines Tages hieß es:,Wer ist schwindelfrei?' Ich habe mich gemeldet. Wir wurden zu Hilfselektrikern ausgebildet und mussten den ganzen Tag Masten raufund runterklettern.

Im Kamptal haben wir an den Freileitungen Kupfer gegen Eisen ausgetauscht, weil Kupfer gebraucht wurde. Wir haben auch gegraben. Ein Hilfsarbeiter meinte:,Wenn du so wild weitertust, hast du in drei Monaten ein kaputtes Kreuz. Ich zeig dir jetzt, wie man mit einem Krampen arbeitet.'

Bei der Technischen Nothilfe ging es mir ganz gut. Wir hatten immer genug zu essen. 1944 war der nächste Einsatzort der Fliegerhorst Vöslau. Zum Glück wurden wir nicht bombardiert. Ich erinnere mich noch an die Sirenen und die Ansage:,Kampfverbände im Anflug aus dem Raum Kärnten, Steiermark.'

Zuletzt wurden wir nach Linz zur Behebung von Bombenschäden versetzt. In St. Georgen an der Gusen6 sollten wir eine Freileitung nach Mauthausen bauen. Die Nazis stellten dort Überschalljäger her. Die deutsche Rüstungsindustrie wollte damals noch eine Atombombe schaffen, hatte aber nicht einmal mehr Bolzen für Masten.

Was in Mauthausen vor sich ging, haben wir natürlich mitbekommen. Ich musste an einem Tor Wache stehen, an dem wir unser Baumaterial bekamen. Dort kam auch der Zug mit jenen KZlern aus Mauthausen an, die in die Stollen einfuhren. Es gab da einen einarmigen SS-Mann, einen gewissen Johandl, der mit einem Prügel auf die KZler eindrosch. Ich dachte mir, den merke ich mir, den erschlage ich nach dem Krieg. Es wurde nichts daraus. Aber auf diese Weise konnte man etwas derart Schreckliches verkraften.

Es gab noch eine grausliche Geschichte: Wir hatten übrige Lebensmittel und stellten sie beim Stollen, wo die KZler hineingingen, in eine Ecke. Jemand muss uns verraten haben. Einige Tage später lässt uns der Kommandant antreten:,Sie sind ja wahnsinnig geworden! Ich wurde von der Gestapo verhört. Ich habe gesagt, von meinen Leuten war das sicher keiner!' Dann sagte er noch:,Ich werde nach dem Krieg zu Ihnen kommen und Sie bestätigen mir, dass ich mich unter Gefährdung meines Lebens für Sie eingesetzt habe!' Unser Kommandant hat uns also beschützt. Ob er das früher auch gemacht hätte, ist eine andere Frage. Knapp vor Kriegsende sagte er: ,Ihr werdet an Maschinenpistolen ausgebildet, weil ihr das Lager bewachen sollt.' Ich sagte zu ihm:,Wir waren die ganze Zeit der letzte Dreck und sollen nun die SS ersetzen?' Zum Glück wurde daraus nichts. Die SS ist stiften gegangen.

Ich bin mit meinem Freund Peter Rühm und einigen anderen auf abenteuerliche Weise nach Wien zurückgekommen. Zuerst mit einem Trajekt über die Donau, weiter mit Fahrrädern, die uns aber von Fremdarbeitern abgenommen wurden. In Enns fanden wir einen Zug voller KZler, der in St. Peter von der Roten Armee angehalten wurde. Wir marschierten mit einem Treck weiter Richtung Osten. In Hütteldorf haben wir uns getrennt. Ich bin dann über den Flötzersteig in die Sandleiten gegangen.

1 Sandleitenhof: größter Gemeindebau des Roten Wien in Ottakring2 Brüder zur Sonne, zur Freiheit: Arbeiterlied der 1920er Jahre3 Wöllersdorf: Anhaltelager des Austrofaschismus in NÖ4 Kurt: Kurt Schuschnigg, Bundeskanzler von Juli 1934 bis 11. März 1938; danach "Schutzhäftling" in verschiedenen KZ5 Technische Nothilfe: Streikbrecherorganisation in der Weimarer Republik, unter den Nazis zuständig für Beseitigung von Notständen in lebenswichtigen Betrieben6 St. Georgen an der Gusen: Wirtschaftlichen Kommandozentrale für den Betrieb der KZs Gusen und Mauthausen. 1944 wurde von Häftlingen die zweitgrößte unterirdische Fabrik Nazideutschlands für die Produktion von Düsenjagdflugzeugen errichtet

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