: MEDIZINGECHICHTE

Der unfreiwillige Exodus der besten Mediziner

Mehr als die Hälfte des medizinischen Kollegiums der Universität Wien wurde von den Nationalsozialisten vertrieben

Dieter Hönig | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

Am 4. Juni 1938, um 15:25 Uhr, rollte der Orient-Express aus der Halle des Wiener Westbahnhofs in Richtung Paris. Mit an Bord saß eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der damaligen Zeit: Der 82-jährige Sigmund Freud verließ die Stadt, die er geliebt und die ihn schwer enttäuscht hatte, auf Nimmerwiedersehen. Andere bedeutende Wissenschafter taten es ihm gleich und bescherten in späterer Folge u.a. den USA eine Reihe von Nobelpreisträgern.

Spät, aber doch, wurde am 4. Juni 2018 auf dem Gelände der Medizinischen Universität Wien eine überlebensgroße Freud-Statue zum Gedenken an den großen Wissenschafter aufgestellt und enthüllt. Gestaltet hat sie der Londoner Künstler Oscar Nemon.

Damit wolle man einerseits die großen Leistungen Sigmund Freuds würdigen, aber sich auch der Verantwortung für dessen Vertreibung stellen, sagt der Rektor der MedUni Wien, Markus Müller. "Der 'Anschluss' Österreichs durch das nationalsozialistische Deutsche Reich war eine tiefe Zäsur in der Geschichte unserer Universität. Lange Zeit wurden die Folgen verschwiegen. Die verheerenden Auswirkungen des Jahres 1938, insbesondere die Vertreibung von mehr als der Hälfte des medizinischen Kollegiums aus rassistischen und antisemitischen Gründen, sollen vor allem eine Warnung an kommende Generationen sein."

Mit diesem Exodus der Intelligenz wurde das intellektuelle Kapital des Landes verspielt, was zur Folge hatte, dass die Wiener Medizin jahrzehntelang nicht mehr auf internationaler Augenhöhe agieren konnte.

"Wenn man Infrastruktur vernichtet und mutwillig Talente vertreibt, zerstört man die Universität und damit eine der wichtigsten Grundlagen einer Gesellschaft sowie der Wirtschaftskraft eines Landes", so Müller. Umso mehr bemühe man sich daher, Wien wieder zu einem international sichtbaren Wissenschaftsstandort zu machen. Tatsächlich verzeichnete die klinische Medizin in Österreich den stärksten Anstieg zwischen 1985 und 2008. Mitte der 1980er Jahre lag der österreichische Wissenschaftsoutput in der klinischen Medizin noch vierzig Prozent unter dem Weltdurchschnitt. 2008 lag er bereits 26 Prozent darüber.

In der Berggasse 19 lag Sigmund Freuds Wohnung in Wien. Sie gilt als eine der berühmtesten Adressen weltweit. "Freud ist nach wie vor der am meisten zitierte Forscher Österreichs mit einem Hirsch-Faktor von 282 und somit der einflussreichste Wissenschafter überhaupt", sagt Stephan Doering, Leiter der Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie der MedUni Wien.

Doering freut es ganz besonders, dass Freuds Visionen an der MedUni Wien bereits erfüllt sind: Seit 1971 gibt es hier die Klinik für Psychoanalyse und somit auch ein Ambulatorium für sozial schwache Menschen, die Psychoanalyse auf Krankenschein erhalten. "Psychoanalytische Forschung wird bei uns ganz im Sinne Freuds betrieben, der sein Fachgebiet stets näher an die Medizin und Biologie herangerückt sehen wollte", so Doering. Ab 2019 wird es an der MedUni Wien auch einen postgraduellen Lehrgang in Psychoanalyse und psychodynamischen Psychotherapien geben.

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