: HORT DER WISSENSCHAFT

Nebelwerfer

Martin Haidinger | aus HEUREKA /18 vom 27.06.2018

Der englische Westminster- Demokrat, der im Wahlkampf durch seinen Wahlkreis tingelt und sich ein faires Match mit seinem Konkurrenten von der Gegenpartei liefert, war nicht das "Role Model" der österreichischen Politik der Ersten Republik. In keiner Partei.

Den Menschen von damals andererseits aus der sicheren Distanz mit hochgezogenen Augenbrauen vorzuwerfen, dass sie keine tauglichen Demokraten waren, ist so, als würde man die Europäer des Mittelalters dafür tadeln, sich nicht zweimal am Tag die Zähne geputzt zu haben. Naseweise Vorhaltungen dieser Art erinnern an den Witz, in dem der Vater dem Sohn erzählt, er sei in seiner Jugend noch ohne Internet aufgewachsen. "Ohne Internet?" fragt der Sohn. "Wie bist du denn da in Facebook eingestiegen?"

Die Lehrmeinung der Sozialdemokratie ist bis heute, dass wahrhafte Demokratie ausschließlich dort herrscht, wo sie an der Regierung beteiligt ist. Entstehen andere Konstellationen, droht der Faschismus. Die ÖVP andererseits hatte bis in die 1970er Jahre mit größter Selbstverständlichkeit in ihrem Statut festgeschrieben, dass der Herr Bundeskanzler von Amts wegen Sitz und Stimme im Parteivorstand besitzt. Derart sicher war man sich in der schwarzen Partei, dass man auf ewige Zeiten den Kanzler stellen würde! Der erste SPÖ-Bundeskanzler, Bruno Kreisky, hat zu Beginn seiner Minderheitsregierung 1970 die Chance auf seinen Platz im ÖVP-Gremium dennoch nicht wahrgenommen.

Die einstigen Feinde der 1920er und 1930er Jahre haben nach 1945 das Kriegsbeil nicht tief genug verscharrt, dass es nicht immer wieder einmal ausgegraben würde, meist von Unwissenden, Böswilligen oder Ideologen mit Kampfauftrag.

Wenn die Nachfahren, Nachläufer und Epigonen der damals Handelnden einander heute noch deren autoritäres Erbe vorwerfen, ist das nicht mehr als eine Wechselstube politischen Kleingelds. Sich und andere mit der Vergangenheit zu erpressen, kann nur in Finten und Mätzchen ausarten. Polemisch ausgeschlachtete Geschichten zur Geschichte behindern sachliche Diskussionen, die dringend geführt werden müssten, um Gegenwartsprobleme zu lösen.

Besondere Schuld lädt auf sich, wer es besser wissen müsste: Intellektuelle, Journalisten, Essayisten und Internetblogger aller Schmierigkeitsgrade, die ihre gegenwärtigen Bürgerkriegsfantasien mit historischen Metaphern versehen und die geschichtlichen Tatsachen zugunsten ihrer eigenen politischen Vorlieben vernebeln. Als ob das, was in den 1930er Jahren passiert ist, nicht schlimm genug gewesen wäre.

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