Brief aus Brüssel

Utopie Brexit

Emily Walton | aus HEUREKA /18 vom 31.10.2018

Welches ist das richtige Maß an Utopie? Wo liegt der Punkt, an dem eine Utopie eher hemmt statt zu beflügeln? In Brüssel schien lange Zeit Strategie zu sein, in Utopien zu denken, um in der Realität zumindest einen kleinen Schritt weiterzukommen. Groß ansetzen also, im Wissen, dass sich nie alles verwirklichen lässt, aber gewiss doch ein Teil davon. Was unterm Strich dann auch einen schönen Fortschritt bedeutet.

So lange die generelle Marschrichtung klar schien und es mehr um Tempo und Details ging, gab es daran nicht viel auszusetzen: Die EU sollte weiter zusammenrücken und sich dabei erweitern. Das schien einer Mehrheit in Europa lange Zeit als logischer Weg. In dieser Grundstimmung dachten manche dann schon weit in die Zukunft: An eine europäische Republik, an die Vereinigten Staaten von Europa, an eine echte gemeinsame Außen-und Sicherheitspolitik sowieso.

Angesichts einer Reihe von Wahlergebnissen in Europa, die sich auch als Ausdruck einer EU-Skepsis deuten lassen, scheinen dieser Schwung gebremst und der einst gewisse Weg fraglich. Braucht es in dieser Lage eine Abkehr von Utopien, um die euroskeptischen Menschen nicht zu überfordern? Oder vielmehr eine Rückkehr zu den großen Ideen, die andeuten, wo die EU trotz Fehler in den Details Sinn macht?

Politikwissenschafterin Ulrike Guerot plädiert für letzteren Ansatz. In ihrem 2016 erschienenen Buch "Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Utopie" skizziert sie eine europäische Republik inklusive Fiskalund Sozialunion, die viele der Probleme am Kontinent lösen soll.

Waren es derlei utopische Pläne, die dazu beigetragen haben, den Ausstieg Großbritanniens aus der EU herbeizuführen? So könnte man das jüngst erschienene Buch von FAZ-Auslandsredakteur Jochen Buchsteiner deuten. In "Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie" beschreibt er, wieso die Brexit-Volksabstimmung kein Unfall, sondern auch ein Resultat des Andersseins auf der Insel war. Buchsteiner sieht im bevorstehenden Abschied eine Chance: Der Brexit-Schock könnte ein Motor für Europa sein. Dann "hätte der britische Eigensinn Europa ein weiteres Mal vorangebracht". Eine EU, die nach dem Brexit enger zusammenrückt und sich konstruktiv weiterentwickelt? Klingt nach einer erstrebenswerten Utopie.

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