Kann es realistische Utopien geben?

Thomas Macho | aus HEUREKA /18 vom 31.10.2018

Vor zwei Jahren zum fünfhundertsten Jahrestag der Drucklegung eines lateinischen Textes, dessen Titel ein Genre konstituieren sollte, nämlich der "Utopia" des englischen Staatsmanns Thomas Morus, hat der niederländische Historiker und Journalist Rutger Bregman ein erfrischend freches Manifest publiziert, das den provozierenden Titel "Utopia for Realists" trägt. Darin plädiert er für ein bedingungsloses Grundeinkommen, für eine Arbeitswoche von fünfzehn Stunden und weltweit offene Grenzen, weil nicht einzusehen sei, dass globale Warenströme, Kapitalverkehr und digitale Daten nahezu ungehindert zirkulieren dürfen, während Menschen immer häufiger auf neue Mauern stoßen.

Gleich eingangs prophezeit Bregman eine Wiederkehr der Utopien. Sie waren spätestens seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion weithin diskreditiert: die totalitären faschistischen Utopien von der Züchtung einer neuen Herrenrasse und der Errichtung eines "Tausendjährigen Reichs", die kommunistischen Utopien, die emanzipatorischen Utopien der späten 1960er Jahre, die religiösen Utopien fundamentalistischer Strömungen, ja sogar die technischen Utopien.

Letztere werden von den Erfahrungen der Atomkatastrophen in Tschernobyl und Fukushima, von Ängsten vor einer Aufspaltung der Menschheit in evolutionär distinkte Bioklassen oder vor steigender Überwachung und Kontrolle im Internet begleitet. Seither dominieren auch in Literatur und Kino die Weltuntergänge und apokalyptischen Szenarien ohne Visionen einer nachfolgenden Erlösung und himmlischen Gerechtigkeit.

Utopien sind, aus dem Altgriechischen "oú-topos" übersetzt, "Nicht-Orte". Inwiefern können sie, so die Frage an Rutger Bregman, "realistisch" sein?

Implizit folgt er der These des israelischen Universalhistorikers Yuval Noah Harari, der in seiner "Brief History of Humankind" behauptete, die menschliche Geschichte werde vor allem von Narrativen, von großen Erzählungen, regiert. So haben sich etwa die Pilgrim Fathers auf ihrer Fahrt in die Neue Welt am biblischen Buch Exodus orientiert; Thomas Morus verfasste eine Erzählung von der Abschaffung des Privateigentums und der Todesstrafe auf seiner "neuen Insel Utopia". Geschichten und Narrative sind unverzichtbar; sie können Hoffnungen begründen, Wünsche, Visionen und Ängste, wie der Bericht von der Sintflut. Erzählungen sind historische Triebkräfte, die Entwicklungen nicht bloß begleiten, sondern auch ermöglichen: Self-fulfilling Prophecies.

Im Umkehrschluss gilt darum auch für apokalyptische Erzählungen, dass sie Untergänge und Katastrophen geradezu herbeireden. Schon allein darum müssen wir Gedankenexperimente und Utopien entwerfen. Wir müssen fragen, wie eine andere, bessere Welt aussehen könnte -so realistisch wie möglich.

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