Die Geschichte von der Utopie Europa

Um zu wirken, erzählen Utopien Geschichten. Kommt man ihnen wiederum mit Geschichten bei?

Text: Johannes Schmidl | aus HEUREKA /18 vom 31.10.2018

Erzählungen schaffen Erfahrung. Nur die, nicht die Einsicht in vernünftige Argumente, kann einen Menschen wirklich ändern. Das wusste schon der Aufklärer Denis Diderot (1713 bis 1784). Heute suchen von Schuhherstellern über Urlaubsdestinationen bis zu Energieversorgern alle ein Narrativ, also eine Erzählung, die ihre Produkte und Dienstleistungen vermittelt.

Der Grund für Auswanderung: Schöne Bilder eines anderen Orts

Ohne Verheißung eines besseren Lebens und dem Versprechen, den Ort dafür zu kennen, wandert niemand aus. Der Realitätsgehalt dieser Bilder wird sich erst viel später überprüfen lassen, wenn der Neubeginn längst riskiert, die alte Welt zurückgelassen und nur noch in Erzählungen präsent sein wird.

Heute kommen lebendige Bilder vom glücklichen Leben in Europa in "Echtzeit" im hintersten afrikanischen Dorf an, und jeder Jugendliche kann sich davon überzeugen, welch fantastische Möglichkeiten das Leben in anderen Ländern, unter anderen Voraussetzungen, bereithält.

Die Empfänger der Bilder und Erzählungen setzen ihre eigene Situation ins Verhältnis zum Möglichen und schaffen sich so ihre eigene Utopie. Macht es einen Unterschied, dass die Erzählung vom glückenden Leben in Europa und den USA gar nicht als Utopie gedacht ist, vor allem nicht als Aufforderung zum Aufbruch? Es scheint, als könne man heute gar nicht mehr "keine" Utopie erzählen.

In Europa ist alles gratis - eine fatale Erzählung

Melitta Sunijc arbeitete 25 Jahre lang beim UNHCR, der UN-Flüchtlingsorganisation. Die promovierte Kommunikationswissenschafterin, die bei der Wiener Zeitung als Außenpolitikjournalistin tätig war, weiß, wie sich Geschichten von der Utopie Europa in Afrika verbreiten. Sie leitet heute eine Medienagentur zum Flüchtlingsthema, um Mythen über die Realutopie Europa möglichst früh zu zerschlagen. Möglichst früh bedeutet: Bevor sich Familien und ganze Dörfer für die Reise Einzelner nach Europa verschulden und belasten.

"Die afrikanische Erzählung von Europa ist kein koloniales Erbe", stellt sie klar. "Sie hat aber zumindest vier Quellen, und sie ist verwandt mit jener Geschichte, die sich Europäer im 19. Jahrhundert von Amerika erzählten. Sie ist eine Projektionsfläche für Träume."

Diese Erzählung verbreitet sich heute hauptsächlich über (Kitsch-)Filme. Das Thema Armut, das Elend der Migranten in Europa und auf dem Weg dorthin und deren Schwierigkeiten kommen darin nicht vor. Dafür aber ein Auto, die Villa mit Swimmingpool, ein funktionierendes Gesundheitssystem, kostenlose Schulbildung, Freiheit, Demokratie sowie fehlende Korruption etc. Übrigens erzählt Europa diese Geschichte ja selbst auch, und zwar als Friedens-und Wohlstandsprojekt.

Die in Europa angekommene Diaspora erzählt die Geschichte des angeblichen eigenen Erfolges. Diese Gruppe steht unter enormem Druck. Ausgewanderte sind Geldverleihern, der eigenen Familie, ja ganzen Dörfern verpflichtet, denen sie eine Geschichte von Autobesitz, Haus, beruflichem Aufstieg etc. auftischen, weil sie nicht als Verlierer dastehen wollen. Aufgrund dieser Geschichten vom angeblichen Reichtum verlangen die Familien, die Dorfgemeinde, Bekannte usw. immer wieder Geld -ein Teufelskreis kommt in Gang.

Und schließlich erzählen auch die Schlepper eine Geschichte, die ihr Marktmodell unterstützt: Nur die Reise nach Europa sei schwierig. Sei man dort angekommen, gebe es alles, vom Auto, Haus, Studium usw. gratis: Die Utopie sei in Europa erfüllt. Menschen in Afrika können angesichts ihres eigenen Lebens und der Information, die auf sie einströmt, überhaupt nicht einschätzen, wie es in Europa wirklich zugeht. Die Schlepper arbeiten teilweise ähnlich professionell wie Werbeagenturen.

Warum die (männliche) Mittelschicht auswandert

Wer sind eigentlich die Menschen, die von Afrika nach Europa aufbrechen? (vgl. Abbildung). Es gilt, ein verbreitetes Klischee zu widerlegen. Hauptsächlich macht sich nämlich der Mittelstand aus Afrika auf den gefährlichen Weg nach Europa. Für die Armen ist die Reise zu kostspielig, die Reichen haben kein Interesse daran. Es geht also die Mittelschicht, nicht die Armen.

"Man darf nicht vergessen", gibt Sunijc zu bedenken, "dass die politischen Eliten dieser Länder die jungen zornigen Männer gern gehen lassen, weil sie ein revolutionäres Potenzial darstellen, das die Korruption der Eliten irgendwann nicht mehr dulden würde." Die afrikanischen Staaten befürworten die Migration außerdem, weil diese ein wichtiger Devisenbringer ist, der häufig treffsicherer ist als viele Projekte der Entwicklungszusammenarbeit.

Die "real story" über die Realutopie Europa

Was macht man mit der Geschichte vom Paradies Europa, die viele Europäer offenbar überfordert? Melitta Sunijc glaubt, dass man ihr am besten die europäische Wirklichkeit entgegenstellt. Dementsprechend betreibt sie seit einigen Jahren die Website http://tellingtherealstory.org.

Die "wirkliche Geschichte" ist aber nicht jene, dass Europa Angst vor Migranten hat. Das würde in Afrika niemand glauben. Die wirkliche wirksame Geschichte muss auf Augenhöhe der Migrationswilligen erzählt werden. "Eine Gesellschaft ändert ihre Einstellung", erklärt Sunijc, "wenn sie über ein Thema diskutiert: In Österreich geschieht das beispielsweise am Wirtshaustisch. Man glaubt keine Botschaft, man glaubt den Menschen aus der eigenen Gemeinschaft, die etwas erlebt haben und es nun weitererzählen." Es ist ihr beispielsweise gelungen, dass die Diaspora aus Eritrea und Somalia den Bann gebrochen hat und endlich berichtet, was ihnen auf der Flucht tatsächlich passiert ist und wie es ihnen wirklich in Europa geht. Sobald die ersten beginnen zu erzählen, werden es immer mehr, die es ihnen gleichtun. Denn niemand will permanent in der Lüge und der Beschönigung leben.

Die Website ist für die interne Kommunikation von Sunijc' Team gedacht. Die Kommunikation mit Migrationswilligen verläuft via Facebook. Aktuell zählt Sunijc etwa zwei Millionen Zugriffe pro Monat. Das Handy ist der Computer der Dritten Welt, Facebook ersetzt das Web.

Mit der Kampagne bringt sie einen Diskurs in Gang. Es sind ungeschnittene Filme auf Facebook in regionalen Sprachen, in denen Menschen erzählen, was sie wirklich denken. Etwa ein Drittel der User teilt diese Geschichten, sie schreiben zum Teil ihre eigenen dazu: Erlebnisse aus Lagern oder von der Überreise in Schlauchbooten. Inzwischen haben auch andere Organisationen diese Idee der wirksamen Kommunikation aufgenommen. Es sind eigentlich Ideen aus der Werbung.

Zeitutopie für die Menschen vor Ort entwickeln

Was soll Europa machen, wenn es aus Sicht der Nichteuropäer ein Ort der erfüllten Realutopie ist, es aber anscheinend nicht sein will? Sunijc sieht das Hauptproblem darin, dass Europa kein funktionierendes Migrationsmodell hat. Derzeit bietet sich für Afrikaner praktisch nur Asyl als Migrationsmöglichkeit an. Das führt bei Migrationswilligen zu einer gewissen "Missbrauchsnotwendigkeit", die den wirklich Asylsuchenden schadet. In Summe müsse Europa versuchen, den Push-Faktor "Migrationsdruck" zu reduzieren. Das bedeutet, in den Herkunftsländern Stabilität zu schaffen: Mit für junge Menschen attraktiven Rahmenbedingungen hält man diese im Land. Dazu kann man den Pull-Faktor, die Aussicht, im Zielland werde sich der utopische Wunsch erfüllen, mit gezielter Information beeinflussen.

Um es im utopischen Diskurs zusammenzufassen: Die Zeitutopie vor Ort muss entwickelt, Familienbetriebe müssen aufgebaut werden. Dazu braucht es Rechtssicherheit, Frieden, wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten usw. Und die Ortsutopie Europa muss sich zielgruppengerecht so erzählen, wie sie gesehen werden will.

Literatur: Michael Clemens, Does Development Reduce Migration? Working Paper, 2014

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