Weltfriede - eine Utopie?

Weltfriede ist ein alter Wunsch der Menschheit. Aber macht er auch Sinn?

Jochen Stadler und Jasmin Gerstmayr | aus HEUREKA /18 vom 31.10.2018

Das Australopithecus-Mädchen Lucy lebte vor rund 3,2 Millionen Jahren und kannte keinen Krieg. Die Wildbeuter der Homo-erectus-Menschen sowie die Jäger und Sammler der Neandertaler und der ersten modernen Menschen (Homo sapiens) ließen einander weitgehend unbehelligt. Millionen Jahre hindurch lebten die Menschen in Frieden. "Natürlich gab es kleine Scharmützel zwischen benachbarten Stämmen", erklärt der Verhaltensforscher Kurt Kotrschal von der Universität Wien. Sie gingen aber in der Regel ritualisiert und ohne großes Blutvergießen ab, ähnlich wie Territorialkämpfe im Tierreich.

"Bei Skelettresten aus dieser Zeit sieht man zwar Schädelverletzungen, die von Waffengewalt herrühren könnten, aber dabei handelt es sich immer nur um Einzelfunde", berichtet die Anthropologin Maria Teschler-Nicola vom Naturhistorischen Museum Wien. Sie zeugen bestenfalls von zwischenmenschlicher, aber nicht von kollektiver Gewalt. Außerdem sei es unmöglich festzustellen, ob ein Stein geworfen wurde, oder ob das Opfer daraufgefallen sei. Erst Pfeilverletzungen deuten klar auf einen Täter hin. Auch in diesem Fall findet man immer nur einzelne Opfer. "Nur weil man Ötzi mit einer Pfeilspitze in der Schulter gefunden hat, kann man noch nicht von Krieg sprechen", erklärt der Sozialwissenschafter Khaled Hakami von der Universität Wien.

Mit der neolithischen Revolution kam der Krieg

Damit Krieg entstehen konnte, brauchte es die "neolithische Revolution": Die Menschen waren sesshaft geworden, besaßen erstmals Grund und Boden, vererbten und verteidigten diese Ressource.

"Während die Jäger-und Sammlerpopulationen weitgehend stabil blieben, vermehrten sich die Sesshaften rasant", erklärt Hakami. Etwa dreihundert Jahre lang war das Bauerndasein offensichtlich noch recht friedvoll. Doch dann zeugen erste Massengräber etwa in Aspern-Schletz in Niederösterreich oder an mehreren deutschen Fundstätten von Massakern an der Bevölkerung. Während bislang nur Werkzeuge wie Flachhacken und Steinbeile zweckentfremdet wurden, "stellten die Menschen nun spezielle Waffen für den Kampf gegen andere Menschen her, etwa Streitäxte", so Maria Teschler-Nicola.

Ein weiterer indirekter Nachweis für die erhöhte Gefahr von Überfällen sind die Befestigungen der Siedlungen gegen Ende des Frühneolithikums. Die Menschen konnten bei Konflikten nicht immer in neue Territorien ausweichen. "In Gebieten, in denen sich die ersten Staaten gebildet haben, gab es rigide ökologische Grenzen", sagt Khaled Hakami. Etwa Wüsten hinter den schmalen, fruchtbaren Ufern des Nils im Ägypten der Pharaonenreiche oder Meer auf der einen und hohe Gebirge auf der anderen Seite wie im Peru der Inkareiche. "Wenn sich die Bevölkerung ausbreitet und niemand ausweichen kann, kommt es zu steigendem Bevölkerungsdruck und mehr oder weniger automatisch zu starken Kriegshandlungen."

Ein Mensch muss zum Töten anderer erzogen werden

Die siegreichen Gesellschaften inkorporierten andere, die Reiche wuchsen. Von der Antike bis ins 20. Jahrhundert waren Kriege so häufig, dass der Friede als Ausnahmezustand erschien. Dabei ist der Mensch nicht für den Krieg gemacht. "Es gilt, interne psychologische Widerstände zu überwinden, um aus normalen Menschen Killer zu machen", meint Kurt Kotrschal. So müsse man seinen "Kriegern" erst erzählen, dass die anderen "keine Menschen, sondern Untermenschen sind". Wie effektiv dies ist, hat der Zweite Weltkrieg in erschreckender Weise gezeigt.

Außerdem sei im Stress des Kampfes die soziale Kognition ausgeschaltet und Mitleid mit dem Gegner unmöglich. Kriegsherrn gewöhnen ihren Untergebenen durch Drill das eigenständige Denken ab und erklären die Loyalität innerhalb der Gruppe zur obersten Maxime.Dahinter liegen stets Interessen von Staaten und Gesellschaften, die mit System, Strategie und Absicht diese biopsychologischen Mechanismen missbrauchen. "Staaten und Gesellschaften handeln nach ihren ökonomischen Interessen und nicht gemäß der Moral", meint dazu Khaled Hakami.

Aktuell sind wir mitten im Prozess der Vergrößerung von Staaten. "1500 vor Christus gab es weltweit schätzungsweise 600.000 unabhängige politische Einheiten, heute halten wir bei rund zweihundert Nationen." Forscher haben hochgerechnet, dass es in wenigen hundert Jahren nur noch einen einzigen Weltstaat geben wird. Bis dahin ist mit massiven kriegerischen Auseinandersetzungen vor allem an der Peripherie der mächtigen Staaten zu rechnen. "Man sieht das schon heute", meint Hakami. "In der westlichen Welt gibt es kaum Krieg, jenseits ihrer Grenzen sehr wohl. Erst wenn die gesamte politische Macht in einer Hand ist, kann es innerhalb der Gesellschaft Frieden geben."

Friede als Vorwand, andere zu vertreiben oder zu töten

Laut traditionellen Definitionen ist Frieden die Abwesenheit von Konflikten. "Wenn ich keine Konflikte habe, bin ich tot", stellt Wolfgang Dietrich von der Universität Innsbruck fest. Dies findet er nicht erstrebenswert. Jeder Mensch habe seine eigene, ganz persönliche Definition von Frieden, die nicht notwendigerweise mit der Abwesenheit von gewalttätigen Auseinandersetzungen zu tun hat.

Naturgemäß ergäben sich bei acht Milliarden Erdbürgern unterschiedliche Ansichten und Widersprüche, doch böte sich stets die Chance eines Dialogs mit dem Gegenüber, meint Dietrich. Er hält nichts von der Vorstellung des perfekten Weltfriedens. Der Nationalsozialismus und andere totalitäre Ideologien haben unter dem Vorwand eines "Endfriedens" unerwünschte Bevölkerungsgruppen vertrieben und ermordet.

Besondere Sorge bereitet dem Forscher das typisch menschliche Verhalten, Menschen wie etwa Flüchtlinge als "die Anderen" auszugrenzen. Aus der Sicht der "noblen" Griechen der Antike waren jene, die ihre Kultur und Sprache nicht teilten, Barbaren, also die Anderen, gegen die Gewalt gerechtfertigt, ja erwünscht war. Stets unter dem Vorwand der Erhaltung des Friedens.

Eine Gesellschaft, die ein friedvolles Miteinander stärken will, muss dem uralten Mechanismus, die eigene Gruppe über das Ausgrenzen anderer zu definieren, bewusst entgegensteuern."Um eine Gruppe zu bilden, brauchen wir keine Feinde, wir können auch so Gemeinschaftsgeist erleben", erklärt Wolfgang Dietrich. Auch muss die menschliche Fähigkeit zur Empathie geschult und gefestigt werden, da wir uns mit ihrer Hilfe in die Lage anderer versetzen und so schließlich deren Friedensbegriff nachvollziehen können.

Friedensjournalismus

Kann auch Journalismus etwas zum Weltfrieden beitragen? Ja, meint Jürgen Grimm, Kommunikationsforscher an der Universität Wien, der mit seinem Team die Rolle der Medien in Konflikten untersucht. Er selbst würde einen Journalismus befürworten, dessen Ziel die genaue Analyse eines Konfliktes auf allen Ebenen ist. Grimm bezeichnet dies als "Konflikttransformation".

"Wir müssen im Kopf einen Schalter umlegen und uns angesichts eines Konflikts nicht nur fragen: Wer ist der Stärkere? Wer gewinnt?" Vielmehr sei es entscheidend, die wirklichen Hintergründe von Auseinandersetzungen zu erkennen. "Plötzlich tun sich dann tausend neue Ideen auf." Als Beispiel nennt er Syrien. "Die Berichterstattung in diesem Fall ist stark vereinfachend. Zahlreiche Parteien sind involviert, von Russland über die Türkei bis zu den USA. Trotzdem wird oft Assad die alleinige Schuld zugeschrieben. Aber was ist das eigentliche Problem? Und wie können wir es beheben?" Friedensstiftender Journalismus sollte versuchen, der Komplexität einer Situation gerecht zu werden und den verschiedenen Perspektiven der Beteiligten ausreichend Raum geben.

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