Utopie gegen Hoffnungslosigkeit

Der Autor Ilija Trojanow schreibt, es sei Zeit für neues radikales Denken -also Utopie

Text: Ilija Trojanow | aus HEUREKA /18 vom 31.10.2018

Erehwon" ist der Name einer literarischen Utopie des britischen Autors Samuel Butler. Liest man das Wort von hinten nach vorne, beschwört es einen berühmtberüchtigten Nicht-Ort. Das utopische Verfahren wird dadurch deutlich: Die herrschenden Verhältnisse werden auf den Kopf gestellt und umgestülpt, und was im vertrauten Alltag gilt, ist im Gedankenexperiment außer Kraft gesetzt. Utopia ist somit viel mehr als eine Insel der Seligen, auf der Frieden und Gleichheit herrschen und Bildung als höchstes Gut gilt: Utopia ist die Vorwegnahme von Veränderung im Reich der Imagination, Utopia umfasst das freieste Denken, das Ersinnen von Alternativen.

Die Flaute des radikalen Denkens nach den Ereignissen von 1989

Insofern war der nach 1989 oft verkündete "Untergang der Utopien" ein Totengräbergesang, der alle Träume begraben wollte, um allgemeine Friedhofsruhe durchzusetzen. Ideologisch begleitet von der unbeweisbaren Behauptung, die Schrecken des 20. Jahrhunderts wären die Folge utopischen Denkens. Die Flaute radikalen Denkens konnte nur vorübergehend sein. Heute, da Überwachungsstaat, oligarchische Strukturen, destruktive Finanzmärkte und viel Kriminelles mehr Gegenentwürfe geradezu provozieren, braust der Wind wieder auf. Akut wird die Notwendigkeit spürbar, geistig jenseits eines Systems zu blicken, das Eigennutz als wirtschaftlichen Motor einsetzt, zum Nutzen einiger weniger, zum Schaden vieler, auf Kosten künftiger Generationen.

Immer wieder gab es Momente in der neueren Geschichte, das Miteinander radikal anders zu gestalten. Beispielsweise die von Bauern, Kaufleuten und Handwerkern getragene Loslösung der britischen Kolonie in Amerika: Diese Revolution führte vorübergehend zu einer Föderation selbstverwalteter Gemeinden, in denen vieles, wenn auch nicht alles zum Guten stand.

Oder die anarchistischen Versuche wie die Pariser Kommune, die Bauern-und Partisanenbewegung von Nestor Machno in der Ukraine oder die Revolution in Spanien in den 1930er Jahren, bei der sich die militante Arbeiterschaft in Teilen des Landes gegen den Putsch von General Franco wehrte.

Bedeutend auch Einzelkämpfer wie etwa der Schriftsteller und Philosoph Henry David Thoreau (1817-1862). Thoreau zog in eine selbstgebaute Blockhütte am Walden Pond, wollte aus dem amerikanischen Staat austreten, dessen Einstellungen u.a. zur Sklaverei ihm widerstrebten, was er mittels Verweigerung der Steuerzahlung kundtat. Dies brachte ihm eine Nacht im Gefängnis ein und der Welt den Text "Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat". Die Blockhütte stand auf Ralph Waldo Emersons Grundstück, einem anderen utopischen Philosophen und Kämpfer gegen staatliches Unrecht.

Die menschliche Natur ist halt so -eine Ausrede?

Gewiss, kaum einer wird bezweifeln, dass das Streben nach einem Ideal uns zu besseren Menschen machen würde. Zugleich trösten wir uns damit, dass ein Idealzustand ohnehin am Menschen selbst scheitern muss, der fehlerbehaftet ist und im Grunde seines Herzens stets egoistisch bleiben wird. Mit der Ausrede, "die menschliche Natur ist halt so" ist schon viel Grausames gerechtfertigt worden.

Statt begreifen zu wollen, was wir von Natur aus sind und wie weit wir uns von diesem ursprünglichen Zustand entfernt haben, werden in den Schulen weiterhin die Thesen von Thomas Hobbes gelehrt, der mit tönernen Argumenten Zwang und Ordnung legitimiert. Denn gerade die inhärente moralische Schwäche des Menschen wird in dem Maße potenziert, in dem man dem Einzelnen Macht in die Hände gibt, wird verschlimmert durch Privilegien und institutionalisierte Autorität - die Geschichte bietet hierfür Beweise im Überfluss.

Mit klassischem utopischem Denken sollte die herkömmliche Binsenwahrheit auf den Kopf gestellt werden: Der Mensch ist zu schlecht, um gütig und uneigennützig über seine Mitmenschen zu herrschen, er kann nicht weise und abgeklärt mit den eigenen Privilegien umgehen.

Die Träume von Gleichheit und Gerechtigkeit sind gegenwärtig dem Schlaf überlassen, im Wachsein dominiert die Ersatzdroge Konsum, vulgo der alleinseligmachende, globalisierte Kapitalismus. Unter dem Druck, funktionieren zu müssen, um konsumieren zu können, geht der Blick fürs visionäre Ganze leicht verloren, ebenso wie der Glaube daran, etwas verändern zu können.

Statt uns zu fragen, ob Demokratie überhaupt mit Vermögenskonzentration vereinbar ist, überlegen wir uns, in welchem Maß wir umverteilen sollen. Geld ist Macht, sagt der Volksmund seit Jahrhunderten und nahm vorweg, dass keines der Regulative der parlamentarischen Demokratie eine weitere Konzentration des Vermögens in den Händen einer oligarchischen Elite verhindern kann, wie wir gegenwärtig erleben. Massiver persönlicher Reichtum beschädigt den Gleichheitsanspruch, auf den eine halbwegs demokratische Gesellschaft nicht verzichten darf.

Materielle Ungleichheit bedingt politische Ungleichheit. Dagegen kann man eben nichts machen, denkt sich der Pessimist (also einer, dem es an Fantasie mangelt); die vielzitierte Schere klafft nicht nur immer weiter auf, sie schnippelt eifrig am Mittelstand, bis von diesem nichts mehr übriggeblieben sein wird als eine verängstigte Schicht zwischen Stigmatisierten und Selbstoptimierten. Zum Ausgleich ergötzen wir uns an Dystopien, an Endzeitvisionen, die keineswegs als lächerlich diffamiert werden, egal wie apokalyptisch sie daherkommen. Der Dystopie räumen wir gegenwärtig mehr Deutungshoheit ein als der Utopie. Ob in "Die Tribute von Panem" oder "Walking Dead", es wird in den populärsten Fiktionen ums brutale Überleben gekämpft. Gerade wenn man das Privileg hat, selber keinen existenziellen Überlebenskampf führen zu müssen, lässt man sich offensichtlich von Dystopien einlullen.

Der erste Grundstein einer neuen Utopie

Eine weitere Utopie zu entwickeln, wie Menschen jenseits von Gettos und Eingrenzungen kreativ zusammenwirken können, wie ein gerechtes Wirtschaften umgesetzt werden könnte, verknüpft mit der Konfluenz, in der sich die verschiedenen Kulturen befruchten, ist unabdingbar -und noch nie war es so leicht wie in den Zeiten des Internets, diese Vision mit Millionen Menschen zu teilen.

Der erste Grundstein einer neuen Utopie übrigens ist der Glaube, dass ein alternativer Weltentwurf kein theoretisches Konstrukt bleiben muss, sondern tatsächlich möglich ist.

Der zweite Grundstein wird zum Pflasterstein der Wegbereitung, denn einer Utopie geht konkretes Handeln voran, weil die Revolution zur Erreichung einer besseren Welt nicht per Telepathie geschehen wird. Sie beginnt übrigens schon im Kleinen, in Netzwerken, die freies und kollektives Gesellschaftsleben praktizieren. Oder im Allerkleinsten wie beispielsweise in Tauschbörsen, in denen die Währung etwa in Zeiteinheiten bemessen wird, in denen Babysitten gegen Fahrradreparatur getauscht werden.

Wir müssen uns gegen das voranschreitende Kapern des Allgemeinbesitzes wehren, egal, ob es sich um Wasser oder das Internet handelt, vor allem, wenn dabei unwiederbringlich natürliche Ressourcen ausgebeutet oder gar vernichtet werden. Widerstand im Alltag muss die Devise lauten. Jeder Einzelne ist aufgerufen. Aber um die Welt zu verändern, gibt es keine Alternative zu organisiertem, gemeinsamem Handeln. Zur Utopie eines besseren Lebens übrigens auch nicht.

Trotz eines Systems, das Eigennutz und Gier belohnt, erleben wir täglich solidarisches Handeln, gegenseitige Hilfe, gemeinschaftliche Lösungen. Diese tragen mehr zum Gleichgewicht in der Gesellschaft bei als das profitable Funktionieren all jener quantifizierbaren Prozesse, die allein die Macht und den Reichtum einer kleinen Schicht sichern.

Leicht werden uns darauf einigen können, dass, abhängig von den jeweiligen sozialen Rahmenbedingungen, dem Menschen sowohl Aufopferung als auch egoistische Gier eigen ist. Ebenso klar sollte sein, dass wir weiterhin und jetzt erst recht Utopien benötigen, sonst drohen Hoffnungslosigkeit und Niederlage."

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