Hort der Wissenschaft

Wirklich unerträglich?

Martin Haidinger | aus HEUREKA /18 vom 31.10.2018

"Ich hab' einen innigen Wunsch, einen frommen: Ich möcht', wenn ich sterb', in die Hölle kommen! Schütteln Sie nicht so Ihr weises Haupt, die Hölle ist reizender als man es glaubt!" Welch paradoxe Utopie des in Dachau ermordeten Kabarettisten Fritz Grünbaum! Der Himmel ist langweilig, die Hölle dagegen gratis eingeheizt. Kein Schneider will Geld, weil alle Fell tragen, und man kommt in interessante, vor allem erotisch prickelnde Gesellschaft von Sündern beiderlei Geschlechts.

Um dieser wonnigen Aussicht nicht zu erliegen, widme ich mich der Betrachtung des Tryptichons vom Weltgericht des Malers Hieronymus Bosch. Dort ist alles wie es sein soll: Menschen werden von Teufeln bestialisch gefoltert, Fabelwesen treiben ihr sadistisches Spiel. Nur wenige Menschen kommen gerettet ins Himmelreich. So ist sie, so hat sie zu sein, unsere Hölle! Auch beim "Philosophicum Lech" sprach man unlängst über "Die Hölle und Kulturen des Unerträglichen". Ein Fazit: Der moderne Mensch fährt nicht mehr zur Hölle, sondern errichtet sie selbst auf Erden. 1944 diente die Hölle Jean-Paul Sartre nur noch als Parabel. In seinem Drama "Geschlossene Gesellschaft" treffen drei sündige Menschen in der Hölle aufeinander und merken, dass sie Teufel sind, die einander mit ihren Lebenslügen quälen. Der Schluss daraus: Die Hölle, das sind die anderen!

Für nervolabile Naturen ist die Hölle überall auszumachen: An US-amerikanischen Universitäten werden Studienpläne den Bedürfnissen hysterischer Studierender angepasst. Sie fühlen sich von antiken Lehrinhalten wie den "traumatisierenden Botschaften" der "Metamorphosen" Ovids, aber auch von den Thesen Kants oder Schopenhauers "offended". In Europa rufen angeblich liberale Persönlichkeiten angesichts "unerträglicher", also ihnen nicht genehmer Wahlergebnisse, nach Denk-und Diskussionsverboten. Allerorten werden statt Gesprächsrunden Wut-und Hassmärsche veranstaltet. Es ist etwas faul in den Staaten!

Wer so tut, als seien Politiker wie Trump oder Merkel "unerträglich", hat nie in einem wirklich unerträglichen Land zu einer unerträglichen Zeit gelebt. Doch das kümmert offenbar jene wenig, die sich nicht mit den Realitäten der Welt abfinden können. Sie verkriechen sich frustrationsintolerant in elitären Blasen, verharren in randständigen Politzirkeln und digitalen Echokammern, oder werfen gar mit Pflastersteinen. Vielleicht hilft dagegen die Lektüre des Buches "Wir müssen reden. Warum wir eine neue Streitkultur brauchen" meiner ORF-Kollegin Susanne Schnabl. Unbedingt lesen!

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